Fischer, Johann

Sonata: Hertzlich thut mich verlangen (O Haupt voll Blut und Wunden)

für 2 Violinen, 2 Violen, Basso & B. c., Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Walhall, Magdeburg 2004
erschienen in: das Orchester 03/2005 , Seite 80

Wur­den ab Mitte des ver­gan­genen Jahrhun­derts zunächst die Werke des Hochbarock für die häus­liche Kam­mer­musik wieder­ent­deckt und Kom­pon­is­ten wie Bach, Hän­del, Corel­li und auch Vival­di zu den Favoriten ver­siert­er Laien­musik­er, so hat sich das Inter­esse in den zurück­liegen­den Jahrzehn­ten doch merk­lich in Rich­tung Früh­barock aus­gedehnt – bee­in­flusst sich­er von der Alte-Musik-Bewe­gung und der Suche nach Reper­toire für die Block­flöte oder andere wieder­ent­deck­te Instru­mente. Johann Hein­rich Schmelz­er, Georg Muf­fat oder Hein­rich Ignaz Franz Biber und ihre Zeitgenossen geri­eten dabei mehr und mehr in den Mit­telpunkt des Interesses.
Anders als die Musik von Biber lassen sich die Werke für Vio­line von Schmelz­er auch von Laien­musik­ern meist prob­lem­los aus­führen – wäre da nicht die für die Stre­icher­musik um die Mitte des 17. Jahrhun­derts typ­is­che Frage der Beset­zung der Mit­tel­stim­men. Eine Vio­la da gam­ba oder gar zwei Barock­vi­olen sind eben doch sel­ten ver­füg­bar. So wird man die Gam­ben­stimme wohl meist mit einem Vio­lon­cel­lo beset­zen, was dann wiederum häu­fig zu einem Ungle­ichgewicht im Klang auf­grund der Dom­i­nanz der Tenorstimme führt. Also heißt es für den Cel­lis­ten Zurück­hal­tung zu üben und eine beson­ders feinze­ich­nende Tonge­bung zu ver­suchen. Dann kann beispiel­sweise das instru­men­tale Wech­sel­spiel in der vor­liegen­den knap­pen Sonata vari­a­tia von Johann Hein­rich Schmelz­er gelin­gen, kön­nen Ele­ganz der Lin­ien und rhyth­mis­che Leichtigkeit per­fekt verschmelzen.
Etwas ein­fach­er mag die Beset­zungs­frage in Johann Fis­ch­ers Sonate zu lösen sein, wen­ngle­ich hier ein per­fek­ter barock­er Ensem­bleklang eben doch nur mit his­torischen Instru­menten erre­ich­bar sein dürfte. Die bei­den Vio­li­nen, die bei­den Violen (oder wahlweise drei Vio­li­nen plus Vio­la), das Cel­lo und der Gen­er­al­bass bilden hier ein Stim­mge­flecht, das nicht nur wegen des der Kom­po­si­tion zugrunde liegen­den Chorals O Haupt voll Blut und Wun­den bisweilen beina­he vokale Qual­itäten beweisen muss. Der Can­tus fir­mus wan­dert hier durch ein ern­stes, voll­stim­miges und edel-dun­kles Stre­icherge­flecht, wobei eine Auf­führung dieser Kom­po­si­tion wohl dann als beson­ders gelun­gen gel­ten darf, wenn die Tim­bres der ver­schiede­nen Stre­ich­er beson­ders nahe beieinan­der liegen und ins­beson­dere die Vio­li­nen eine zurück­hal­tende Tonge­bung üben.
Die Edi­tion Wal­hall hat sich mit den bei­den vorgelegten Werken ein­mal mehr um die Erforschung und Ver­bre­itung früh­barock­en Reper­toires ver­di­ent gemacht. Das sauber auf­bere­it­ete Auf­führungs­ma­te­r­i­al ließe wün­schen, diesen schön struk­turi­erten und klan­glich exquis­iten Werken wieder häu­figer im Rah­men von Gottes­di­en­sten oder Kirchen­musiken zu begeg­nen. Der Schwierigkeits­grad von Fis­ch­ers und Schmelz­ers Sonat­en dürfte dem in jedem Fall nicht entgegenstehen.
Daniel Knödler