Janácek, Leos

Sinfonietta / Taras Bulba / Suite aus “Das schlaue Füchslein”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Tudor 7135
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 92

Beschei­den­heit ist eine Tugend, doch übertreiben sollte man sie nicht. Bei der vor­liegen­den CD jeden­falls stellen die Bam­berg­er Sym­phoniker ihr Licht auf eine Weise unter den Schef­fel, die doch ver­wun­dert. Sechzig Jahre alt ist das Orch­ester 2006 gewor­den, die Zukun­ft scheint ungeachtet früher­er Schwierigkeit­en sich­er – und da veröf­fentlichen die Bam­berg­er eine bemerkenswerte Janácek-Auf­nahme, deren Book­let auch nicht ein Wort über Orch­ester und Diri­gent ver­liert.
Dabei hat die Werkauswahl gewiss etwas mit der Geschichte des Ensem­bles zu tun, das nach dem Zweit­en Weltkrieg von Prager Musik­ern mit­ge­grün­det wurde und heute ganz offen­bar in blenden­der Ver­fas­sung ist. Jonathan Nott über­nahm das Orch­ester im Jahr 2000, sei­ther hat er dessen mod­ernes wie auch das tra­di­tionelle Pro­fil geschärft. Schu­bert-Sin­fonien stellte er unlängst im Konz­ert zeit­genös­sis­chen Schu­bert-Bear­beitun­gen gegenüber und meldete sich mit drei Super­au­dio-Auf­nah­men zu Wort, die allerd­ings kein kom­pos­i­torisches Neu­land erschließen: Bruck­n­ers dritte, Mahlers fün­fte sowie Schu­berts erste, dritte und siebente Sin­fonie.
Auch die aktuelle CD bietet mit der Sin­foni­et­ta (1926) und der Rhap­sodie Taras Bul­ba (1915/18) Klas­sik­er der Mod­erne, dazu ist eine Suite aus der Oper Das schlaue Füch­slein (1921/23) zu hören, die sich in ihrem ganzen Ges­tus in die Nähe von Richard Strauss beg­ibt, in den Klang­far­ben manch­mal an Debussy erin­nert. Freilich bleibt Janác?ek jed­erzeit und unbe­d­ingt authen­tisch mit seinem so eigen­tüm­lichen Stil, der neok­las­sizis­tis­che Küh­le eben­so wie impres­sion­is­tis­che Far­ben, spätro­man­tis­che Glut und natür­lich folk­loris­tis­che Idiome ken­nt. Dazu war der 1854 geborene Tscheche ein großer Musik­dra­matik­er und begeis­tert­er Nation­al­ist, er scheute auch das Pathos nicht.
Bei solch ein­er Vielfalt der Ein­flüsse nimmt es nicht Wun­der, dass Inter­pre­ten dur­chaus unter­schiedliche Janác?ek-Facetten her­ausstre­ichen kön­nen, ohne dem Kom­pon­is­ten deshalb zwangsläu­fig unrecht zu tun. Während beispiel­sweise Charles Mack­er­ras in seinen Ref­erenz-Auf­nah­men ger­ade bei der Sin­foni­et­ta auf Sub­til­ität set­zt und die knis­ternde Span­nung, die Bedro­hung pflegt, also einen drama­tis­chen Zugang wählt, nähert sich Nott den drei Werken dis­tanziert­er, wen­ngle­ich niemals kühl. Er begreift die Sin­foni­et­ta vielle­icht mehr als ein Stück absoluter Musik.
Die Trompe­te­nat­tack­en im vierten Satz zum Beispiel strahlen und funkeln bei den Bam­berg­er Sin­fonikern erhaben, während Mack­er­ras sie – mit ver­schiede­nen Orch­estern – spitz und iro­nisch spie­len lässt. Die Auf­takt-Fan­fare ist – Dank des her­vor­ra­gen­den und warm tim­bri­erten Blech­satzes – ein Glan­zlicht. Im zweit­en und drit­ten Satz irri­tiert bei Nott dage­gen die scho­nungslose Direk­theit des Klangs, hier gibt es zu wenig Geheimnisse. Den­noch: Diese CD ist ein höchst würdi­ger Beitrag zum Jubiläum­s­jahr der Bam­berg­er.
Johannes Killyen