Raff, Joseph Joachim

Sinfonie Nr. 8 op. 205 “Frühlingsklänge” & Nr. 10 op. 213 “Zur Herbstzeit”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Tudor 7127
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 84

Mit diesen bei­den CDs hat Tudor in Zusam­me­nar­beit mit dem Bay­erischen Rund­funk nun­mehr den kom­plet­ten Zyk­lus aller elf Sym­phonien des deutsch-schweiz­erischen Kom­pon­is­ten Joseph Joachim Raff vorgelegt. Damit ist eine bedeu­tende Lücke im sym­phonis­chen Reper­toire des 19. Jahrhun­derts – zwis­chen Mendelssohn und Schu­mann ein­er­seits und Brahms, Bruck­n­er und Tschaikowsky ander­er­seits – endlich voll­ständig gefüllt. Raff hat von der­gle­ichen Bemühun­gen, unsere Wis­senslück­en bezüglich des 19. Jahrhun­derts zu füllen, in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten (in Form von Edi­tio­nen, Ein­spielun­gen und sog­ar der Grün­dung ein­er Raff-Gesellschaft) beson­ders prof­i­tiert.
Man hört mit Fasz­i­na­tion, wie Raff ver­sucht, zwis­chen der Pro­gram­m­musik-Ästhetik der „Neudeutschen“ (vor allem Liszts, dessen Assis­tent Raff einige Jahre war) und den tra­di­tionellen Ansprüchen an Form und stim­mige Dur­char­beitung zu ver­mit­teln. Die Tra­di­tion behält dann allerd­ings doch weit­ge­hend die Ober­hand (nicht zulet­zt durch die klas­sis­che Vier­sätzigkeit) und das Pro­gram­ma­tis­che bleibt fast immer vage – inter­es­san­ter­weise machte Raff die detail­lierten Pro­gramme, die er für seine Sym­phonien anfer­tigte, ger­ade nicht öffentlich, son­dern über­ließ die Deu­tung dem Pub­likum.
So beschränkt sich auch in den vier „Jahreszeiten“-Symphonien, mit denen Raff sein sym­phonis­ches Œuvre beschloss, der Ver­bal­text auf all­ge­meine Satzti­tel, deren Bezug zur Jahreszeit sich nicht immer erschließt (etwa „Die Jagd der Elfen“ für das Scher­zo der „Sommer“-Symphonie oder „Ein­drücke und Empfind­un­gen“ für den Kopf­satz des „Herb­stes“) und deren Aus­sage auch nicht immer ohne Weit­eres in der Musik nachzu­vol­lziehen ist.
Die Musik­sprache ist – nicht nur in den all­ge­gen­wär­ti­gen „Elfen“-Scherzi – die Mendelssohns und nicht die Liszts; man hört die Werke gerne, begreift aber doch, warum sie, obwohl zur dama­li­gen Zeit dur­chaus erfol­gre­ich, wenig später in Vergessen­heit geri­eten. Eben­sowenig war es Raff vergön­nt, auf der zeit­gle­ich aufk­om­menden Welle der Nation­al­ro­man­tik mitzuschwim­men, die stilis­tisch ganz ähn­lichen Sym­phonien (wie etwa Tschaikowskys und wenig später Dvor?áks) zu anhal­tender Pop­u­lar­ität ver­half.
Die Ein­spielung der Werke durch die Bam­berg­er Sym­phoniker unter Hans Stadl­mair hätte ein Rezensent aus Raffs eigen­er Zeit wohl als „tüchtig“ beze­ich­net: Ähn­lich wie die Musik geht sie kaum Wag­nisse ein. Der bewährte und gut einge­spielte Klangkör­p­er macht wenig falsch, wagt aber auch wenig: Tem­pi und Dynamik liegen weit­ge­hend im mit­tleren Bere­ich, wo es schw­er wird (und das kommt bei Raff ziem­lich oft vor!), zeigen sich Unschär­fen – wohl weniger der Qual­ität des Orch­esters als man­gel­nder Proben­zeit geschuldet. Höhep­unk­te (sowohl kom­pos­i­torisch wie inter­pre­ta­torisch) sind dage­gen die häu­fi­gen Kan­tile­nen in mit­tlerer Lage, vom Rest des Orch­esters umspielt – hier badet man in der Fülle des Wohllauts.
Thomas Schmidt-Beste