Tschaikowsky, Peter Iljitsch

Sinfonie Nr. 4 / Romeo und Julia / Nussknacker-Suite

Rubrik: CDs
Verlag/Label: perc.pro 50062006
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 81

Gnaden­los schlägt das Schick­sal zu. Unbarmherzig rufen schnei­dende Blech­bläser­akko­rde wie zum jüng­sten Gericht. Ein Entkom­men ist nicht möglich. Pack­end insze­niert Diri­gent Gün­ther Her­big mit dem Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Saar­brück­en die erschüt­ternde Selb­stzer­fleis­chung im Kopf­satz der vierten Sin­fonie von Tschaikowsky. Dass das Damok­less­chw­ert, das „über unseren Häuptern hängt“, so der unglück­liche rus­sis­che Kom­pon­ist in seinem an die Wid­mungsträgerin und Gön­ner­in Nade­sch­da von Meck geschriebe­nen Pro­gramm, bei Her­big der­maßen geschärft ist, dafür sorgt freilich auch die Ton­tech­nik mit einem ganz beson­ders strahlen­den Klang­bild. Hart und klir­rend zer­bricht das Glück. Niedergeschla­gen­heit und Hoff­nungslosigkeit wirken dabei wie ein masochis­tis­ches Ent­ge­gen­streck­en zu allem, was Lei­den schafft. Das ist so klar, real­is­tisch, ja schmerzend dargestellt, dass der Umbruch im zweit­en The­ma, die Flucht vor der Wirk­lichkeit, nur schw­er gelin­gen mag, auch wenn Her­big sich für diesen Wan­del Zeit nimmt, den Hör­er nicht unmit­tel­bar auf eine welt­flüch­t­ende Umlauf­bahn hin­aus kat­a­pul­tiert. Die Saar­brück­er bleiben leben­snah, gön­nen sich noch nicht die Ruhe für einen träumerischen Umschwung. Da erin­nert viel an Leonard Bern­steins „I am Tschaikowsky“-Agonie. Auch Her­big dis­tanziert sich nicht, sucht das direk­te Erleben von See­lenkampf und ‑krampf und damit gelingt ihm etwas Beson­deres unter den vie­len belan­glosen Ein­spielun­gen von Tschaikowskys Viert­er.
Des homo­sex­uellen Kom­pon­is­ten ein­same Melan­cholie des zweit­en Satzes taucht Her­big freilich in zarte Töne sen­ti­men­taler Erin­nerung, was fast ein wenig Süße in den Stre­ich­er-Sequen­zen gegenüber der Blech­bläs­er-Bit­ter­nis des ersten Satzes bringt. Im pit­toresken Pizzika­to-Scher­zo find­et Her­big sog­ar die eine oder andere Idylle, bevor er sich im Finale mit motorisch­er Vehe­menz wieder in die Gemüts-Orgie dieser zer­ris­se­nen rus­sis­chen Seele stürzt. Her­big insze­niert mit dem willig fol­gen­den Orch­ester einen Wirbel aus Volksmelo­di­en und Schick­salsmo­tiv, an dessen Ende er ganz im Sinne von Tschaikowsky der Lebens­freude freien Lauf lässt.
Diesen lei­den­schaftlichen Impe­tus bewahrt sich Her­big, der im ver­gan­genen Jahr die Chefdiri­gen­ten-Posi­tion bei den Saar­brück­ern an Christoph Pop­pen abgegeben hat, auch für die Romeo und Julia-Fan­tasieou­vertüre. Liebe, Zunei­gung, Erre­gung und Sehn­sucht wer­den hol­ly­woodreif insze­niert – aber nie wie eine C‑Schnulze, son­dern als großes Kino: sinnlich, pas­sion­iert, pack­end.
Da sind die Tänze der Nussknack­er-Suite nach dieser Liebesvi­sion eine nette, unbeschw­erte Zugabe, um Tschaikowskys ganzes Gefühlsspek­trum zu beleucht­en. Ein geistvoller, mitreißen­der Abschied Her­bigs von den Saar­brück­ern – samt Schlus­sap­plaus: eine kleine Ver­beu­gung vor Her­big.
Christoph Ludewig