Schmidt-Kowalski, Thomas

Sinfonie Nr. 4 C-Dur op. 96 / Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 h-Moll op. 100

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos 8.551246
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 89

Alle vier Werke dieser beiden Aufnahmen entstanden in den vergangenen 15 Jahren. Doch welch’ ein Unterschied! Thomas Schmidt-Kowalski, Jahrgang 1949, Oldenburger, bevorzugt eine ziemlich unverklausulierte Verbindung zwischen Gegenwart und Romantik: Das Musikgefühl des 19. Jahrhunderts wird weitgehend ungebrochen übernommen. Ulrich Leyendecker, Jahrgang 1946, Wuppertaler, geht einen eigenen, individuellen Weg zwischen der Rück-Sicht auf die Tradition und der Avantgarde „made in Donaueschingen“.
Welch Klang, Sprache, Stimmung, Formverständnis, Melodiemomente Schmidt-Kowalski anstrebt, wird nach wenigen Takten (beider Werke) deutlich. Ob viersätziges sinfonisches Auffächern grundsätzlicher Muster oder „singende“ Qualität des Violin-Orchester-Dialogs im Geigenkonzert: Bei diesem Komponisten wird nicht „herumgeredet“ – er bekennt sich zu den Normen und tonalen Regeln klassischer Prägung. Man kann sogar, das gilt besonders für das op. 100, das melodisch schön ausgebreitete Material mitsingen oder -summen.
Mir gefällt sein Statement ohne Wenn und Aber, dass „die nicht verbrauchbare Tonalität neu erfüllt“ werden kann. Das gelingt ihm ohne Umschweife, ohne geistige Begrenzung, ohne Kotau vor irgendwelchen „Unmöglichkeiten“ oder gar Tabus. Er macht Klänge und Harmonien, die längst verschüttet schienen, wieder möglich. Das gilt für die kontrastreiche Sinfonie von 2003 ebenso wie für seine Hommage an die Violine – dieses Werk entstand sogar erst 2005.
Schmidt-Kowalski weiß mit Formen umzugehen, er leistet sich keine Experimente. Die Musik – hier wie dort – klingt irgendwie vertraut, aber nicht abgenutzt. Gernot Süssmuth bleibt als Solist ein sachlicher Anwalt dieser Komposition – wie auch Manfred Neumann am Pult des SWR-Rundfunkorchesters Kaiserslautern. Sie passen gut zusammen, suchen das dialogische Prinzip. Mehr orchestrale Leidenschaft ist aus dem op. 96 herauszuhören. Sie ermöglicht dem Dirigenten, ein sinfonisches Profil zu entwickeln.
Leyendecker studierte u.a. in Köln (Rudolf Petzold), wurde früh gefördert, nahm 1981 eine Professur der Hamburger Musikhochschule an. 1994 wechselte er an die Hochschule Heidelberg/ Mannheim. Die beiden Kompositionen dieser CD, kongenial von Johannes Kalitzke mit dem Solisten Roland Greutter und dem NDR-Sinfonieorchester eingespielt, verraten schnell die Linie, auf der sich Leyendecker souverän bewegt: Eine Individualmusik, die nicht konstruiert oder „weit hergeholt“ wirkt, die sich relativ unkompliziert dem Hörer erschließt. Er verweilt bei verschiedenen Stimmungen – im dreisätzigen Violinkonzert (1995) mit dem raffinierten und effektvollen Variationenfinale wie auch in der ebenfalls dreisätzigen 3. Sinfonie (1994 uraufgeführt).
Leyendecker befragt in der „Dritten“ den Tonraum, der zwischen temporärem Wanken und statischer Solidität ausgelotet wird – instrumental kühn, sogar kess und kontrastreich, mit viel „ruhenden“ Passagen. Das Violinkonzert, Greutter gewidmet, spinnt den roten Faden der Sinfonie fort. Auch hier werden Räume hörbar – hell, schwebend, nebulös, aufregend, farbig, auf Zukunft angelegt. Der Solist hat Platz für nicht zu vertrackte Kadenzen. Zitate aus älteren Werken baut Leyendecker kenntnisreich ein.
Das Orchester lässt sich von Beginn an motivieren. Die klanglichen Welten von Schmidt-Kowalski und von Leyendecker mögen sich zunächst konträr gegenüberstehen. Im (An-)Hören aber kommen sie als Erweiterung des sinfonischen Spektrums zeitgenössischer Musik daher. Zwei Meinungen, zwei Kosmen, zwei spielbare Komponisten.
Jörg Loskill