Johannes Brahms

Sinfonie Nr. 2 op. 73/Sinfonie Nr. 4 op. 98

Bergen Philharmonic Orchestra, Ltg. Edward Gardner

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Chandos
erschienen in: das Orchester 6/2026 , Seite 76

Beim Label Chandos sind Aufnahmen der 2. und der 4. Sinfonie von Johannes Brahms unter der musikalischen Leitung von Edward Gardner auf einer CD erschienen. Die zweite Sinfonie wurde 2023, die vierte Sinfonie 2024 aufgenommen. Bei dieser CD handelt es sich um eine sehr beachtliche Angelegenheit. Die 2. Sinfonie ist sicher die bedeutendste der vier Brahms-Sinfonien. Im Gegensatz zu seiner 1. Sinfonie, an der der Komponist mehrere Jahre lang arbeitete, entstand die 2. Sinfonie im Jahre 1877 in einer relativ kurzen Zeitspanne. Die Uraufführung erfolgte 1877 in Wien unter der Stabführung Karl Richters und geriet auf einen Schlag zu einem vollen Erfolg. Im Folgenden setzte sich die Sinfonie rasch in den Konzertsälen durch und erfreute sich sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik allgemeiner Beliebtheit. Über die Entstehung der 4. Sinfonie, Brahms’ letzter, sind dagegen keine genauen Angaben möglich, da Brahms über den Kompositionsprozess keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterließ. Man nimmt anhand von Brahms’ persönlichem Kalender an, dass die 4. Sinfonie in den Jahren 1884 und 1885 entstand. Aus der Taufe gehoben wurde sie 1885 in Meiningen. Auch sie gehört zu den populärsten Schöpfungen des Komponisten.
Am Pult versetzt Dirigent Edward Gardner den Zuhörer bei beiden Aufnahmen in einen regelrechten musikalischen Rausch. Das Mit- und Gegeneinander der einerseits heiter-pastoralen Grundstimmung der 2. Sinfonie und andererseits ihrer sehr melancholischen Anklänge wird von dem Dirigenten und dem hervorragend disponierten Bergen Philharmonic Orchestra haarscharf auf den Punkt gebracht.
Es ist ein sehr differenziertes, abwechslungsreiches, dynamisch ausgewogenes und farbenreiches Klanggemälde, das von Gardner und den Musiker:innen hier in großer Vollkommenheit erzeugt wird. Oft ist das musikalische Melos ausgesprochen dramatisch, es zeichnet sich aber ebenso häufig durch feingesponnene Lyrismen aus. Kräftige, markante, vorwärtsdrängende und impulsive Stellen korrespondieren mit zarten, filigranen und ebenmäßig dahinfließenden Passagen. Gewaltige Steigerungen lässt der Dirigent in beeindruckende Höhepunkte münden, die stark unter die Haut gehen. Insgesamt klingt das Ganze sehr ausdrucksstark. Alle diese Gesichtspunkte gelten in gleichem Maße für Gardners Darbietung der 4. Sinfonie. Der weihevoll erhabene Grundcharakter des Werks wird von Gardner trefflich betont und ruhig und getragen ausgelotet. Mit düsteren Anklängen wird hier nicht gespart. Dabei versteht es der Dirigent ausgezeichnet, die Musik in ständigem Fluss zu halten und Details liebevoll in den großen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Insgesamt kann diese CD sehr empfohlen werden!
Ludwig Steinbach

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