Spohr, Louis

Sinfonie Nr. 2 d‑Moll op. 49/Sinfonie Nr. 10 Es-Dur WoO 8

Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ries & Erler, Berlin 2006/2005
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 84

Ein Kom­pon­ist müsse „fort“, wenn er mehr als neun Sin­fonien schreibe, meinte Arnold Schön­berg 1913 mit Blick auf Gus­tav Mahlers frühen Tod. Schließlich könne in ein­er Zehn­ten „etwas gesagt wer­den, was wir noch nicht wis­sen soll­ten“. Seit Beethovens Neunter hing dieser Zahl der Nim­bus ein­er let­zten kün­st­lerischen Aus­sage an. Für den Braun­schweiger Louis Spohr allerd­ings kein Grund, nicht ein­fach weit­erzukom­ponieren. Er vol­len­dete seine 10. Sin­fonie Es-Dur im April 1857, gut zwei Jahre vor seinem Tod. Mit der 2. Sin­fonie d‑Moll op. 49 aus dem Jahr 1820 erschien sie nun als Par­ti­tur beim Berlin­er Ver­lag Ries & Erler in ein­er von Bert Hagels aus­führlich kom­men­tierten Aus­gabe. Lediglich einige Tippfehler stören das Lesev­ergnü­gen. (So wur­den bei­de Sin­fonien laut Ein­bän­den 1820 pub­liziert!)
Auch wenn in Spohrs Zehn­ter nichts außeror­dentlich Neues gesagt wird, zeich­net sie sich doch durch eine sehr ele­gante Melodik aus. Ver­mut­lich wegen ihrer unkom­plizierten Frak­tur beze­ich­nete der Kom­pon­ist das Werk als seinen anderen Sin­fonien nicht eben­bür­tig und ver­weigerte ihr die Auf­nahme ins eigen­händi­ge Werkverze­ich­nis. Diese strenge Selb­stkri­tik scheint indes ungerecht, denn die Kom­po­si­tion füllt hochwillkom­men eine Lücke zwis­chen Mendelssohn und Schu­mann sowie Bruck­n­er und Brahms.
Das Werk ist in sein­er Form sehr kom­prim­iert und the­ma­tisch klar gegliedert. Seine Ästhetik weist weniger auf die aus­ladende Spätro­man­tik, son­dern vielmehr auf einen roman­tis­chen Klas­sizis­mus. Dass viele Zeitgenossen einen anderen Weg ein­schlu­gen, erk­lärt vielle­icht die schnelle Vergessen­heit der Sin­fonie. Sie besitzt die seit Beethoven etablierte Beset­zung mit paari­gen Holzbläsern (Flöten, Oboen, Klar­inet­ten, Fagot­ten), zwei Hörn­ern, Trompe­ten, drei Posaunen, Pauken und Stre­ich­ern. Hinzu kommt lediglich eine Tuba. Die vier­sätzige Sin­fonie ist klas­sisch in Alle­gro, Larghet­to, Scher­zo und Alle­gro-Finale ange­ord­net.
Im Gegen­satz zu diesem Spätwerk aus Spohrs Zeit der Pen­sion­ierung als Kas­sel­er Gen­eral­musikdi­rek­tor wirkt die 1820 in Lon­don kom­ponierte 2. Sin­fonie ungle­ich „roman­tis­ch­er“. Sie ent­stand für die Phil­har­mon­ic Soci­ety und verzichtet im Ver­gle­ich zur Zehn­ten auf Posaunen und Tuba. Die Zweite war Spohrs erste gefeierte Sin­fonie und damit der Start sein­er Kar­riere als Sin­foniker. Der fein aus­gear­beit­ete Stre­ich­er­satz besitzt kam­mer­musikalis­che Dichte und zeigt ein­mal mehr den aus­ge­bilde­ten Geiger. Doch auch das zop­fig punk­tierte Larghet­to, das rhyth­misch pro­fil­ierte Presto-Scher­zo mit zwei Trio-Teilen sowie das Finale enthal­ten dankbare Musik für jedes Orch­ester. Lei­der kon­nte die im Besitz der Musik­bib­lio­thek Peters befind­liche auto­grafe Par­ti­tur für diese Edi­tion – wegen ungek­lärter Eigen­tumsver­hält­nisse – nicht berück­sichtigt wer­den.
Matthias Corvin