Mahler, Gustav

Sinfonie Nr. 2 c‑Moll

"Auferstehungs-Sinfonie"

Rubrik: CDs
Verlag/Label: OehmsClassics OC 412
erschienen in: das Orchester 07-08/2012 , Seite 75

In nur zehn Jahren ist es Dieter Oehms gelun­gen, qua­si „von Null an“ ein inzwis­chen geschätztes Label zu etablieren und einen eben­so gewichti­gen wie prall gefüll­ten Kat­a­log aufzubauen. Hier find­et man aber nicht nur Rar­itäten vom Rande, son­dern auch große Opern und sin­fonis­ches Reper­toire – in der Regel mit Orch­estern aus dem deutschen Sprachraum, wie etwa dem Gürzenich-Orch­ester Köln (Mahler), dem dama­li­gen Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Saar­brück­en (Bruck­n­er) oder eben den Ham­burg­er Phil­har­monikern.
Und die tra­di­tion­sre­ichen Hanseat­en haben unter Simone Young (seit 2005 Inten­dan­tin der Staat­sop­er und Gen­eral­musikdi­rek­torin in Per­son­alu­nion) eine beein­druck­ende Palette von Ein­spielun­gen vorgelegt, die unter anderem einen kom­plet­ten Ring umfasst, aber auch Hin­demiths Oper Math­is der Mahler. Bei Bruck­n­ers Sin­fonien set­zt man (mit großem Erfolg) auf die noch immer wei­thin unbekan­nten Erst­fas­sun­gen, und nun kündigt sich mit Mahlers 2. Sin­fonie möglicher­weise schon der näch­ste Zyk­lus an. Dass aus­gerech­net die Nr. 2 auf den Pul­ten liegt, ist ver­mut­lich den Über­legun­gen ein­er kon­tinuier­lichen Saison­pla­nung geschuldet, doch zeugt die Wahl auch von gesun­dem Selb­stver­trauen und der genauen Ken­nt­nis des eige­nen tech­nis­chen wie inter­pre­ta­torischen Ver­mö­gens angesichts der vielfach namhaften, gele­gentlich aber auch erstaunlich kon­tur­losen Konkur­renz.
Wie schon bei Bruck­n­er set­zt Simone Young auch bei der so genan­nten Aufer­ste­hungs-Sin­fonie auf ein durchge­hend flüs­siges, mitunter gar zügiges Tem­po. Nach außen doku­men­tiert sich dies in der kürz­eren Spiel­d­auer, die es ermöglicht, das Werk auf ein­er einzi­gen CD zu fassen – ein­mal davon abge­se­hen, dass die von Mahler nach dem ersten Satz ver­langte Pause von wenig­stens fünf Minuten somit aus­fall­en muss.
Deut­lich­stes Merk­mal der Ein­spielung ist aber wohl der alle Sätze durchziehende rasche Atem, der trotz eines mitunter über­aus forschen Zugriffs nie gehet­zt oder gar unnatür­lich gewollt wirkt. Den­noch: So sehr dies dem Beginn des Kopf­satzes zugute kommt, so unge­wohnt klingt die von Mahler mit molto pesante charak­ter­isierte Kathar­sis (Zif­fer 20), die hier eher vorüberzieht als einen Ein­schnitt markiert (schon zuvor erschien bei Zif­fer 18 die Zäsur nicht deut­lich genug). Young ver­mei­det damit die Gefahren ein­er auf hohlem Pathos basieren­den Klang­mächtigkeit oder eines selb­stver­liebten Tief­gangs, ohne die von Mahler im Kern angelegte drama­tis­che, wenn nicht gar seis­mis­che Energie zu opfern – ein Zugriff, der sich vor allem in den Bin­nen­sätzen bestens bewährt und diese aufw­ertet sowie das „Urlicht“ in unge­wohnt unsen­ti­men­taler Klarheit auf­scheinen lässt. Selb­st das Finale gewin­nt auf diese Weise eine mitreißende Strahlkraft, die nicht durch Absätze erzwun­gen wird, son­dern von nichts anderem als der musikalis­chen Sub­stanz aus­ge­ht. Neben Solis­ten und Chor spie­len die Ham­burg­er Phil­har­moniker bei diesem Live-Mitschnitt auf beein­druck­end hohem Niveau.
Michael Kube