Bruckner, Anton

Sinfonie Nr. 1

Urfassung 1865/66 ("Linzer")

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms Classics OC 633
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 69

Sein „keck­es Beserl“ nan­nte Anton Bruck­n­er seine 1. Sym­phonie – und bezog sich damit wohl auf die zahlre­ichen vor Vital­ität sprühen­den, teils ger­adezu iro­nisch keck­en The­men und Motive darin. Auch von dieser Sym­phonie des Kom­pon­is­ten existieren zwei Ver­sio­nen, und auf dieser neuen SACD mit den Phil­har­monikern Ham­burg unter Simone Young ist die Urfas­sung („Linz­er“) von 1865/66 zu hören.
Young wählt im Ver­gle­ich zu anderen Diri­gen­ten recht getra­gene Tem­pi, was freilich auch daran liegen mag, dass es sich hier um eine Liveauf­nahme han­delt, also die Rau­makustik berück­sichtigt wer­den musste.
So weist die CD auch ein hohes Grun­drauschen auf, außer­dem einen etwas hal­li­gen Klang – was ein­er­seits für Bruck­n­ers Musik, die man ja auch gerne in Kirchen­räu­men auf­führt, gün­stig ist, in diesem Fall aber ander­er­seits einen leicht dumpfen Orch­esterk­lang gener­iert, der auf Kosten der Durch­sichtigkeit geht.
Diese jedoch lei­det auch unter der Bal­ance inner­halb des Orch­esters: Zwar sind die Stre­ich­er offen­bar reich­lich beset­zt, doch dominieren die Blech­bläs­er ger­ade an Fortestellen so stark, dass von den Stre­ich­ern nur mehr wenig, von den Holzbläsern eigentlich gar nichts mehr zu vernehmen ist. Ins­ge­samt ver­fügt das Orch­ester denn auch über eine enorme dynamis­che Band­bre­ite vor allem im For­te­bere­ich, geht auch vom Piano immer wieder gerne und sehr schnell ins Forte über, spielt entsch­ieden und präsent. Was auf der Auf­nahme (vor allem im SACD-Modus) sehr gut wirkt, ist die Posi­tion­ierung der ersten und zweit­en Vio­li­nen zu bei­den Seit­en der Diri­gentin: Dadurch gewin­nen Bruck­n­ers oft von einem Reg­is­ter ins andere überge­hende Lin­ien eine wun­der­bare Plas­tiz­ität und der Hör­er erhält ins­ge­samt einen räum­licheren Ein­druck der Musik.
Hin­sichtlich der Agogik konzen­tri­ert sich Young vor allem auf größere Abschnitte. Teil­weise ste­hen die Tem­pobeschle­u­ni­gun­gen und ‑verzögerun­gen in der Par­ti­tur, teil­weise entsprin­gen sie Youngs inter­pre­ta­torischen Ideen und wirken auch mal etwas unmo­tiviert, ver­wirren gar gele­gentlich, wenn sie plöt­zlich in län­geren musikalis­chen Gedankengän­gen auf­tauchen. Außer­dem aber zeu­gen sie auch von großem Tem­pera­ment und Engage­ment für die Musik, ver­lei­hen der Auf­nahme Lebendigkeit und zeigen daneben, wie prompt und flex­i­bel das Orch­ester reagiert, das jed­erzeit konzen­tri­ert mit­ge­ht, gut zusam­men­spielt.
Eher wenig musikalis­ch­er Gestal­tungswille ist dafür in kleineren Phrasen oder kurzen Motiv­en zu spüren: Hier wer­den – sowohl von Solis­ten wie auch ganzen Stim­men – zu oft ein­fach Noten gespielt, ohne diese durch dynamisch-agogis­che Gestal­tung in einen span­nen­den Zusam­men­hang zu set­zen und wirk­lich auszukosten. Das lässt die Inter­pre­ta­tion recht unemo­tion­al erscheinen; doch freilich gle­icht die dadurch entste­hende Klarheit ein Stück weit die durch Akustik und Beset­zung beförderte Undurch­sichtigkeit aus.
Ein dur­chaus tem­pera­mentvoller Bruck­n­er also, dem aber den­noch immer eine gewisse hanseatis­che Küh­le aneignet.
Andrea Braun