Haydn, Joseph

Sinfonie in g “La Poule” Hob. I:83

Partitur, hg. von von Hiroshi Nakano

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2006
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 76

Joseph Haydn kom­ponierte 1786 ins­ge­samt sechs Sin­fonien für die Paris­er Konz­erte der „Loge Olympique“, von denen die bei­den ersten hier in Nach­druck­en der 1971 und 1999 bei Hen­le in München erschiene­nen Gesam­taus­gabe vor­liegen. Wie so viele andere Instru­men­tal­w­erke des frucht­baren Kom­pon­is­ten erhiel­ten auch sie Beina­men und sind so leichter iden­ti­fizier­bar: Während bei erster­er das Finale für den Titel prä­gend war (auf­grund der dor­ti­gen Bor­dun­bässe kur­sierte es schon bald als „Bärentanz“), sorgte bei der anderen ein musikalis­ch­er Effekt des ersten Satzes für eine „ani­malis­che“ Assozi­a­tion: In den unabläs­si­gen, rhyth­misch präg­nan­ten Ton­rep­e­ti­tio­nen der Solo-Oboe (später noch durch eine Flöte ergänzt), mit denen das Seit­en­the­ma kon­tra­punk­tiert wird, glaubte man das Gack­ern ein­er Henne zu erken­nen – es kön­nte auch als Meck­ern emp­fun­den wer­den, aber eine Ziege galt vielle­icht als zu unmusikalisch.
Haydn war zumin­d­est in späteren Jahren größeren Reisen dur­chaus nicht abgeneigt, doch Paris hat er nie besucht und die dor­ti­gen Orch­esterge­wohn­heit­en offen­bar nicht gekan­nt oder sie zumin­d­est ignori­ert: Statt der in Frankre­ich beliebten Klar­inet­ten ver­wen­dete er näm­lich die in Eszter­háza gebräuch­lichen Oboen. Hinzu kom­men eine Flöte, je zwei Fagotte und Hörn­er (in der Sin­fonie Nr. 82 bis auf den 2. Satz alter­na­tiv zwei Trompe­ten mit Pauken) sowie die Stre­ich­er.
Wie bei den meis­ten Gesam­taus­gaben, so zieht auch diejenige der Werke Haydns prak­tis­che Edi­tio­nen nach sich – die „akademis­che“ Beschäf­ti­gung mit Musik kann nun­mehr den Weg in den Konz­ert­saal find­en. Hier han­delt es sich um Par­ti­turen im für Diri­gen­ten gebräuch­lichen Folio­for­mat mit einem angenehmen, großzügi­gen Noten­bild; par­al­lel dazu erschien im gle­ichen Ver­lag das Auf­führungs­ma­te­r­i­al. Natür­lich verzichtete man jet­zt auf den aus­führlichen Kri­tis­chen Bericht, dessen wichtig­ste Ergeb­nisse dafür in den knap­pen Vor­worten (in deutsch und englisch) referiert wer­den.
Bei „La Poule“ geht es beispiel­sweise um die im Lauf der Werkgeschichte unein­heitlich behan­delte Beset­zung mit Hörn­ern und/oder Trompe­ten. Das Auto­graf (und also auch die vor­liegende Aus­gabe) schreibt „oder“ vor, was so aber offen­sichtlich etwas zu knapp dargestellt ist, weil damals Trompe­ten in langsamen Sätzen tra­di­tionell nicht vorka­men (tat­säch­lich heißt es im Alle­gret­to nur „2 Corni“). Außer­dem hätte man noch darauf hin­weisen sollen, dass Pauken immer in Verbindung mit Trompe­ten erklin­gen und bei ein­er Inter­pre­ta­tion allein mit Hörn­ern also ent­fall­en. Gle­ich­wohl ist eine solche Aus­gabe, die auf gesicherten Forschungsergeb­nis­sen beruht, sehr willkom­men und wird sich auf das Konzertleben sich­er schnell auswirken.
Georg Günther