Haydn, Joseph

Sinfonie in f “La passione” Hob. I:49

hg. von C.-G. Stellan Mörner, Urtext der Joseph-Haydn-Gesamtausgabe, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2013
erschienen in: das Orchester 01/2014 , Seite 76

Beina­men von musikalis­chen Werken, die häu­fig nicht vom Kom­pon­is­ten selb­st stam­men, sind mit Vor­sicht zu genießen. Sie kön­nen leicht in die Irre führen, auch wenn sie für den Rezip­i­en­ten freilich eine leichtere Zuord­nung ermöglichen als Num­mern, Tonarten oder Jahreszahlen. Joseph Haydns Sin­fonie in f‑Moll, Hobo­ken-Verze­ich­nis I:49 aus dem Jahr 1768, ist bekan­nter unter dem Namen „La pas­sione“, den sie aber freilich nicht vom Schöpfer selb­st erhal­ten hat, von dem das Auto­graf dieses Werks immer­hin erhal­ten ist.
Der Beiname, so wird ver­mutet, wurde von einem Leipziger Musikalien­händler um 1790 erfun­den, um einen Hin­weis auf die ungewöhn­liche Umstel­lung der bei­den ersten Sätze des Werks – dem eröff­nen­den Ada­gio fol­gt der Sonaten­haupt­satz – zu geben. Andere sehen einen (schw­er nach­weis­baren) Bezug zur Pas­sion der Kar­woche in dieser Sin­fonie. Wie dem auch sei: Als rel­a­tiv gesichert kann gel­ten, dass im Jahr 1768 neben Nr. 49 auch die Sin­fonie 59 A‑Dur mit dem Beina­men „Feuersin­fonie“ und die Num­mer 26 (d‑Moll, „Lamen­ta­tione“) ent­standen. Aber auch diese Beina­men sind nur „wahrschein­lich“ oder „möglicher­weise“ authen­tisch.
Tat­sache ist hinge­gen, dass im August dieses Jahres Haydns Wohn­haus in Eisen­stadt, das er kurz zuvor gekauft hat­te, ein­er Feuers­brun­st zum Opfer fiel und es bei dieser Katas­tro­phe, die immer­hin 141 weit­ere Häuser, das Rathaus und zwei Klöster betraf, auch zehn Tote zu bekla­gen gab. Ob allerd­ings Haydns Schaf­fen in irgen­deinem Bezug zu solchen Ereignis­sen ste­ht, lässt sich kaum direkt bele­gen. 1776 wurde Haydns Immo­bilie übri­gens ein zweites Mal durch Feuer zer­stört…
Die jet­zige Aus­gabe der f‑Moll-Sin­fonie bei Bären­re­it­er übern­immt den Druck aus der Gesam­taus­gabe im Hen­le-Ver­lag aus den 1960er Jahren, der bere­its die in Stock­holm auf­be­wahrte Orig­i­nal­hand­schrift Haydns zugrunde legt. Eine zusät­zliche Stim­menab­schrift von Joseph Elßler aus Schloss Ester­házy, die in Frank­furt am Main liegt, wurde vor allem für Vor­trags- und Artiku­la­tion­sze­ichen sowie vere­inzelte Verzierun­gen herange­zo­gen, sodass es wie son­st kaum einen fast kom­plett authen­tis­chen Noten­text gibt. Die Her­aus­ge­ber ergänzten lediglich Phrasierungs­bö­gen bei Motivwieder­hol­un­gen, wo sie das Orig­i­nal aus­lässt – und es stellt sich sogle­ich die Frage, ob aus­ge­lassene Artiku­la­tionsvorschriften bei Wieder­hol­un­gen automa­tisch besagen, dass sie wie zuvor angewen­det wer­den sollen oder ob sie nicht die Möglichkeit wech­sel­nder Artiku­la­tion geben.
Doch man muss nicht päp­stlich­er sein als der Papst: Es beste­ht kein Zweifel, dass wir hier einen solide edierten, his­torisch belegten Urtext vor uns haben, wie man ihn sich für viele andere Werke, deren Orig­i­nalquellen im Lauf der Geschichte ver­loren gin­gen, nur wün­schen kön­nte. Die jet­zige Auskop­plung aus der Gesam­taus­gabe ermöglicht es darüber hin­aus etwa auch jün­geren Ensem­bles, sich ohne hohen Koste­naufwand diesem ein­drucksvollen Werk zu wid­men.
Matthias Roth