Franck, César / Richard Strauss

Sinfonie d-Moll / Don Juan op. 20

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Nordwestdeutsche Philharmonie, info@nwd-philharmonie.de
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 74

Ein tra­di­tion­sre­ich­er Klangkör­p­er ist das, die Nord­west­deutsche Phil­har­monie Her­ford. 1946 von aus Linz und Prag nach West­falen geflüchteten Musik­ern gegrün­det, hat­te das Orch­ester viele renom­mierte Chefdiri­gen­ten, darunter Wil­helm Schüchter, Her­mann Scherchen, Wern­er Andreas Albrecht, János Kul­ka, Alun Fran­cis und Michail Jurows­ki. Seit 2010 ist der 1981 geborene Amerikan­er Eugene Tzi­gane Chefdiri­gent, Schüler von James DePriest und Jor­ma Pan­u­la. Ein äußerst begabter Diri­gent, nach der vor­liegen­den CD zu schließen, ein Diri­gent voller Elan und Charme, der unter­schiedliche Stile aus­geze­ich­net beherrscht, ein Diri­gent, dem es ein Leicht­es ist, einen span­nen­den Konz­ertabend zu gestal­ten. Zumin­d­est im Bere­ich der Musik der so genan­nten Spätro­man­tik. Ob César Franck oder Richard Strauss, das Idiom wird getrof­fen, in span­nen­den, sorgsam aus­tari­erten Ein­spielun­gen, die die orches­trale Bril­lanz voll zur Gel­tung kom­men lassen. Das ist kein Prov­in­zorch­ester aus Ost­west­falen-Lippe, das ist ein Orch­ester, das es ohne Not mit den ganz großen aufnehmen kann. Nur dass die Ein­spielun­gen der d-Moll-Sin­fonie von César Franck durch die Berlin­er Phil­har­moniker oder einen ver­gle­ich­baren Klangkör­p­er qua­si nonex­is­tent sind – ein Armut­szeug­nis für die „Majors“, aber ein Alle­in­stel­lungsmerk­mal für das in der Kle­in­stadt Her­ford ange­siedelte Orch­ester.
Die Klang­bal­ance zwis­chen den Klang­grup­pen, der Reich­tum an Klang­far­ben, die Bril­lanz der Blech­bläs­er, die dynamis­che Vielfalt, die feine Abschat­tierung von Übergän­gen – alles zeugt von höch­ster Pro­fes­sion­al­ität, Pro­fes­sion­al­ität aber voller Leben, nicht kühl herun­ter­mu­siziert wie per­fekt aufeinan­der abges­timmte Maschi­nen, son­dern wie ein lebendi­ger, ganzheitlich­er „Organ­is­mus“. Die Franck-Sin­fonie ist so voll von unter­schiedlichen Stim­mungen und Far­ben, und Tzi­gane und sein Orch­ester tre­f­fen sie alle auf das Beste.
Im Don Juan lässt sich Tzi­gane mehr Zeit als manch andere Diri­gen­ten, die noch stärk­er das Drän­gende der Par­ti­tur in den Vorder­grund rück­en, und doch wirkt die Energie, die von der Ein­spielung aus Her­ford aus­ge­ht, bisweilen stärk­er als die manch ein­er Ver­gle­ich­sauf­nahme. Tzi­gane ist seinen Vorgängern in Her­ford Her­mann Scherchen und Andris Nel­sons in dieser Hin­sicht nicht unähn­lich, die in dur­chaus ver­gle­ich­bar­er Weise die Par­ti­turen zum Leben erweck(t)en. Es ist davon auszuge­hen, dass man von Eugene Tzi­gane noch viel Gutes hören wird.
Bei der Nord­west­deutschen Phil­har­monie ist das selb­stre­dend – das Orch­ester ist eine feste, wichtige Größe im deutschen Musik­leben. Nur bei sein­er Ver­mark­tung bestünde noch Opti­mierungs­be­darf – der CD fehlt lei­der jed­wedes Book­let, wed­er über das Orch­ester noch den Diri­gen­ten noch die Werke erfährt der Hör­er etwas.
Jür­gen Schaar­wächter