Strauss, Richard

Sinfonia domestica / Die Tageszeiten

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Rundfunkchor Berlin, Ltg. Marek Janowski

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Pentatone PTC 5186 507
erschienen in: das Orchester 12/2015 , Seite 80

Fam­i­lien­fo­tos zu Lebzeit­en von Richard Strauss hat­ten wohl grund­sät­zlich keine Fröh­lichkeit zu ver­bre­it­en. So auch dieses: Der Meis­ter stützt sich auf die Lehne des noblen Led­er­so­fas, die Augen groß und ernst. Die Gemahlin in der Mitte ist in eine kost­bare Jugend­stil­bluse gek­lei­det, ihr Gesicht ist beina­he erstar­rt. Der Knabe im Hin­ter­grund zeigt immer­hin gle­ichgültige Entspan­nung. Der Raum ist mit schw­eren Tis­chdeck­en und Wand­be­hän­gen deko­ri­ert, Braun­töne herrschen vor.
Nicht von unge­fähr haben die Ver­ant­wortlichen beim Label Pen­ta­tone dieses Bild für das Cov­er der vor­liegen­den CD gewählt. Zu hören ist darauf in ein­er großar­ti­gen Ein­spielung des Rund­funk-Sin­fonieorch­esters Berlin und des Rund­funk­chors Berlin unter Leitung von Marek Janows­ki die wahrschein­lich am wenig­sten pop­uläre Tondich­tung von Richard Strauss, die Sin­fo­nia domes­ti­ca aus den Jahren 1902/03.
Dabei ist es weniger die Musik, son­dern mehr das Pro­gramm dieser Sin­fonie, das die Inter­pre­ten und Hör­er ver­stört – und ein wenig auch ihre Geschichte. Strauss kehrt nach seinen tondich­ter­ischen Aus­flü­gen in die Welt der Lit­er­atur, der Philoso­phie und der Helden zurück an den heimis­chen Herd und schreibt ein musikalis­ches Pro­gramm für Ereignisse im häus­lichen All­t­ag: Kinder­spiel, Wiegen­lied, Ver­wandtenbe­such, Sex, Stre­it mit der Gat­tin, Ver­söh­nung und Idylle. So viel Triv­i­al­ität hat dem Werk enorm geschadet, lei­der. Eben­so eine Auf­führung im Jahr 1933, als Strauss den für die Naz­i­machthaber nicht genehmen Bruno Wal­ter ver­trat und dabei aus­gerech­net die Sin­fo­nia domes­ti­ca anset­zte.
Man tut dem Meis­ter wohl einen Gefall­en, dieses Ereig­nis zu vergessen und sein Pro­gramm zu ignori­eren. Übrig bleibt her­aus­ra­gend kom­ponierte Musik, die alle Erfahrun­gen und Qual­itäten vorherge­gan­gener Tondich­tun­gen aufn­immt und dabei mehr als eine Vorauss­chau auf die Alpensin­fonie (1911–15) und Salome (1905) liefert. Span­nend auch die enge Verzah­nung des motivis­chen Mate­ri­als. Das Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin spielt sich mit größter Wonne durch die Par­ti­tur und ihre Extreme zwis­chen Melan­cholie und Hyper­tro­phie – ohne Scheu vor Risiko und den­noch ohne Fehl und Tadel.
Ein große Rar­ität (und im Wikipedia-Ein­trag nicht ein­mal verze­ich­net) sind die vier Män­ner­chöre Die Tageszeit­en von 1927 auf Worte von Joseph von Eichen­dorff, die the­ma­tisch gut zur Sin­fo­nia domes­ti­ca passen. Die Anforderun­gen an den Chor sind der­art hoch, dass der Zyk­lus wohl nur von Pro­fichören wie dem Rund­funk­chor Berlin gestemmt wer­den kann. Die Orch­ester­be­gleitung ste­ht der­jeni­gen der Vier let­zten Lieder in nichts nach und sorgt let­ztlich dafür, dass gele­gentliche män­ner­bünd­lerische Anklänge (zwis­chen nationaler Roman­tik und Par­si­fal) zurück­treten. Reizvoll sind Die Tageszeit­en auch deshalb, weil sie so unter­schiedlich kom­poniert sind: frisch der Mor­gen, chro­ma­tisch aufge­laden die Mit­tagsruh, erregt der Abend und wun­der­bar verk­lärt die Nacht. Welch wun­der­bare Horn­soli!
Johannes Kil­lyen