Prokofjew, Sergej

Sinfonia Concertante/Romeo & Juliet First Suite

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Solo Musica SM 171
erschienen in: das Orchester 01/2013 , Seite 73

Sergej Prokof­jews Sin­fo­nia Con­cer­tante oder Sin­fonie-Konz­ert, wie das Werk auch genan­nt wird, stellt eine der größten Her­aus­forderun­gen inner­halb des konz­er­tan­ten Reper­toires für Vio­lon­cel­lo dar. Enstanden als Über­ar­beitung des Cel­lokonz­erts op. 58 – in enger Zusam­me­nar­beit mit Mstis­law Ros­tropow­itsch, dem Solis­ten der Urauf­führung –, ver­langt die dreisätzige Kom­po­si­tion über ihre vierzig Minuten Spiel­d­auer dem Solis­ten eine solch leis­tungss­portliche und beina­he pausen­lose Kraftanstren­gung ab, dass nur wenige Cel­lis­ten sich an dieses Mon­strum her­antrauen. Liegt es also an diesen man­nig­fachen Schwierigkeit­en, dass das Opus nach wie vor äußerst sel­ten gespielt und aufgenom­men wird? Oder vielle­icht doch eher daran, dass die drei fast im gle­ichen Tem­po gehal­te­nen Sätze nicht wirk­lich miteinan­der kon­trastieren?
Wie dem auch sei, die junge kore­anis­che Cel­listin YuJeong Lee stellt sich den Anforderun­gen dieses Spätwerks Prokof­jews furcht­los – und ver­mag mit ihrer Inter­pre­ta­tion rück­halt­los zu überzeu­gen. Manuelle Begren­zun­gen ken­nt diese Kün­st­lerin nicht. Ihr Spiel ist durch­weg kraftvoll, mit großem, volu­minösem Ton, und sie stürzt sich voller Wage­mut auch noch in die hals­brecherischsten Pas­sagen. Dass Prokof­jews typ­is­che Ironie zuweilen in Aggres­siv­ität umschlägt, wird in dieser Inter­pre­ta­tion so deut­lich wie son­st nur sel­ten. Wenn es ange­bracht ist, weiß die Solistin sich aber auch zurück­zunehmen und bleibt der reichen, wenn auch nie schwel­gerischen Lyrik des Werks nichts schuldig.
Adäquat unter­stützt wird sie dabei von der Nord­deutschen Phil­har­monie Ros­tock unter der Leitung ihres Chefdiri­gen­ten, des Wieners Flo­ri­an Krump­böck, der auch als Pianist äußerst erfol­gre­ich tätig ist. Die
Musik­er beweisen Gespür für die oft recht bass­lasti­gen Klang­far­ben der Kom­po­si­tion, auch für ihre gele­gentliche Rup­pigkeit – man höre etwa den Schluss des zweit­en Satzes. Als Zugabe dirigiert Krump­böck die erste der drei vom Kom­pon­is­ten zusam­mengestell­ten Suit­en aus seinem Romeo und Julia-Bal­lett.
Das mit­tler­weile auf eine mehr als hun­dertjährige Tra­di­tion zurück-
blick­ende Orch­ester beweist in bei­den Werken seine zahlre­ichen Qual­itäten – wieder ein­mal ein schön­er Beweis für den qual­i­ta­tiv­en Reich­tum der vielfälti­gen deutschen Orch­ester­land­schaft. Dass indes die Romeo und Julia-Suite nicht ganz so überzeu­gend geri­et wie die Sin­fo­nia Con­cer­tante, liegt in erster Lin­ie an eini­gen allzu vor­sichti­gen Tem­pi, die dem tänz­erischen Charak­ter der Musik nicht völ­lig zuträglich sind. Außer­dem gibt es für dieses Stück natür­lich zahlre­iche Konkur­renz auf dem Ton­träger­markt. Den­noch: eine run­dum empfehlenswerte Pro­duk­tion – vor allem für Musik­lieb­haber, die wed­er Prokof­jews Cel­lo-Sin­fonie noch die for­mi­da­ble Solistin ken­nen.
Thomas Schulz