Simple Gifts

Werke von Benjamin Britten, Aaron Copland, Samuel Barber, Michael Tippett und Randall Thompson

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Coviello COV 40611
erschienen in: das Orchester 04/2007 , Seite 87

Eines haben fast alle auf dieser CD präsen­tierten Chor­w­erke gemein­sam: Sie sind während des Zweit­en Weltkriegs ent­standen, in dun­klen Zeit­en also, in denen die bru­tale und tödliche Sprache der Waf­fen regierte. Kom­pon­is­ten wie Ben­jamin Brit­ten oder Michael Tip­pett haben dem ihre visionäre Sprache der Musik ent­ge­genge­set­zt – als Anklage, als Mah­nung und als Vor­griff auf eine bessere und gerechtere Welt. Der Rund­funk­chor Berlin ent­fal­tet diese Reflex­io­nen über Krieg und Frieden auf berührende Weise. Sim­ple Gifts ste­ht als Mot­to über der jüng­sten CD-Pro­duk­tion, es ist der Titel eines Lieds der Shak­er, die als friedliche Siedler zu Beginn des 19. Jahrhun­derts die amerikanis­che Ostküste besiedelt hat­ten: „Ein­fache Gaben“.
Ein­fach, aber den­noch von enormem Tief­gang sind die fünf Negro Spir­i­tu­als, die Michael Tip­pett in A Child of our Time inte­gri­erte. Die lei­d­volle Geschichte der Afroamerikan­er ist darin sed­i­men­tiert, ste­ht hier aber par­a­dig­ma­tisch für die Opfer jed­wed­er Gewalt. In Tip­petts Ora­to­ri­um wirken die Spir­i­tu­als als gliedernde Choräle – und bieten dem Berlin­er Rund­funk­chor Gele­gen­heit, die ganze Band­bre­ite sein­er Far­ben vorzustellen, vom andächtig zarten Steal away bis zum duftig fed­ern­den Nobody knows.
In Ben­jamin Brit­tens Bal­lad of Lit­tle Mus­grave and Lady Barnard von 1943 ist es die Wid­mung an einen britis­chen Sol­dat­en in einem deutschen Gefan­genen­lager, die die Verbindung zwis­chen der mit­te­lal­ter­lichen Textvor­lage und dem 20. Jahrhun­dert her­stellt. Die ein Jahr zuvor kom­ponierte Hymn to St. Cecil­ia darf man nicht nur als Huldigung an die inspiri­erende Patron­in der Musik auf­fassen. Sie ist gle­icher­maßen ein überzeitlich aktueller Appell an die Kun­st und die Kün­stler, Human­ität einzuk­la­gen. Dieselbe Inten­tion ist dem Amerikan­er Ran­dall Thomp­son zu unter­stellen, der anno 1940 mit seinem Allelu­ja ein beschwören­des Plä­doy­er lieferte.
Chorchef Simon Halsey hat ein höchst span­nen­des Pro­gramm zusam­mengestellt, bei dem sich sein Vokalensem­ble von der besten Seite zeigt. Vom ersten Moment an fasziniert die Aus­ge­wogen­heit des Klangs und seine pulsierende Lebendigkeit. Hier wird erzählt, ganz unmit­tel­bar, zum Beispiel auch Brit­tens Geschichte von Oliv­er Cromwall, Aaron Cop­lands Old Amer­i­can Songs oder Samuel Bar­bers trau­rige Verse über jenen Kämpfer, der im Rin­gen um Frei­heit sein Leben lassen muss (A Stop­watch and an Ord­nance Map). Gespen­stisch, wie die Pauken das Schlacht­feld beschreiben!
A pro­pos Samuel Bar­ber: sein Agnus Dei, die Vokalver­sion des berühmten Ada­gios aus dem Stre­ichquar­tett, ist sich­er keine Reper­toireent­deck­ung mehr. Aber mit ihm sorgt der Rund­funk­chor Berlin für acht Minuten unun­ter­brochen vib­ri­eren­der Gänse­haut – großar­tig!
Christoph Schulte im Walde