Pleger, Ralf

Simone Young. Die Dirigentin

Ein Porträt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: EVA, Hamburg 2006
erschienen in: das Orchester 04/2007 , Seite 80

„In den neun­ziger Jahren eroberte sie mit Bravour die ersten Adressen der Opern- und Konz­er­twelt und warf dabei das Klis­chee­bild vom Mae­stro – männlich, betagt, elitär – in jed­er Kat­e­gorie über den Haufen“, schreibt der Biograf zu Beginn seines Porträts, wobei die medi­ale Auss­chlach­tung der Tat­sache, dass es sich bei Simone Young um eine Frau han­delt, zeitweilig „groteske Züge“ annahm. Trotz ihrer steilen Kar­riere ist ihre Biografie nicht frei von Brüchen, was nicht auss­chließlich mit ihrer Herkun­ft aus Aus­tralien zu tun hat, wo die Dirigier­aus­bil­dung keine große Tra­di­tion aufweist.
Der Autor begin­nt mit Kind­heit und Studi­um, wid­met sich dem Kar­ri­ere­be­ginn im Opern­haus von Syd­ney und den Anfän­gen in Europa, um dann zur Weltkar­riere überzuge­hen. Heute kann Young unser­iöse Bemerkun­gen in der Presse wie „Stilet­to-Dom­i­na“ leicht ertra­gen, denn sie hat alles erre­icht, was ein dirigieren­der Men­sch sich wün­schen kann. 1993 dirigierte sie ein knappes Jahr nach ihrem Debüt an der Wiener Volk­sop­er an der dor­ti­gen Staat­sop­er, der „Grals­burg des europäis­chen Musik­the­aters“. Die frauen­ab­sti­nen­ten Wiener Phil­har­moniker engagierten sie sog­ar mehrfach. Heute „erobert“ sie nicht mehr die Opern­häuser, son­dern prägt sie kün­st­lerisch. Seit 2005 ist sie Inten­dan­tin der Ham­burg­er Staat­sop­er und Gen­eral­musikdi­rek­torin des dor­ti­gen Phil­har­monis­chen Staat­sor­ch­esters; eine Pro­fes­sur an der Ham­burg­er Musikhochschule ist im let­zten Win­ter hinzugekom­men.
Es stellt sich die Frage, ob es nicht zu früh ist, ein Buch über eine 1962 geborene Kün­st­lerin zu schreiben, zumal Diri­gen­ten gemein­hin bis ins Greisenal­ter beruf­stätig sind. Ralf Pleger drehte einen Fernse­hfilm über sie und weit­ete das Pro­jekt zu ein­er Biografie aus. Man kon­nte also ein rasch zusam­menge­tra­genes Buch­porträt über sie erwarten. Statt dessen liefert der Autor eine gut zu lesende, unter­halt­same und den­noch infor­ma­tive Studie über die Kün­st­lerin, der es als erster Diri­gentin gelun­gen ist, in der Welt „alle ‚Glas­deck­en‘ zu durch­brechen“.
Einge­fügt sind Pas­sagen, in denen Young selb­st, aber auch ihre Eltern, Bekan­nten und Fre­unde zu Wort kom­men. Man lernt neben­bei einiges über die zusät­zlichen, zeitaufwändi­gen Auf­gaben hin­ter der Bühne ken­nen, die ein Diri­gat mit sich bringt: Sie musste Sprachen ler­nen, Kurse besuchen, sich durch lang­wierige Stu­di­en ein größeres Reper­toire aneignen, Kon­tak­te knüpfen, ihre Fam­i­lie betreuen und ihre Kinder, die sie oft auf ihren Reisen durch die Welt mit­nahm, gle­ichzeit­ig großziehen. Nur kleine Fehler fall­en in dem anson­sten sorgfältig erstell­ten Band auf: Die Walküre ist nicht der zweite, son­dern der erste Teil der Ring-Tetralo­gie, dem ein Vor­spiel vor­ange­ht, Fan­ny Hensel hat niemals in Köln und schon gar nicht Opern dirigiert.
Eva Rieger