Tarnow, Volker

Sibelius

Biografie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel/Bärenreiter, Leipzig 2015
erschienen in: das Orchester 12/2015 , Seite 71

Es wurde Zeit. Seit 1962 ist keine halb­wegs brauch­bare Sibelius-Mono­grafie in deutsch­er Sprache erschienen. Einige Auf­schlüsse zu den Titelthe­men gaben die Auf­satzsamm­lun­gen Sibelius und Deutsch­land (Berlin 2000) und Jean Sibelius und Wien (Wien 2003). Doch der weitwin­klige biografis­che Aufriss, der die Leben­sum­stände des Kom­pon­is­ten, seinen Charak­ter und sein Schaf­fen unvor­ein­genom­men zur Sprache bringt und zueinan­der in Beziehung set­zt, blieb bis­lang ein from­mer Wun­sch.
Der große Vorzug der flott erzählten Biografie, die der Musikpub­lizist Volk­er Tarnow pünk­tlich zum 150. Geburt­stag des finnis­chen Nation­alkom­pon­is­ten vor­legt, ist ihre gefühlte Leben­snähe. Soweit Sibelius diese über­haupt zulässt. Räumt Tarnow doch gegen Buchende mit Sig­mund Freud ein: Die (ganze) biografis­che Wahrheit ist nicht zu haben. Was nicht zulet­zt den schöpferischen Ein­bruch bet­rifft, den der Kom­pon­ist nach 1926 erlitt, samt dem Rät­sel um die unvol­len­dete und unauffind­bare 8. Sin­fo­nie.
Immer­hin schöpft der Autor aus der biografis­chen Primärquelle: den 2005 von Fabi­an Dahlström edierten Tage­buchaufze­ich­nun­gen (1909–1944). Des Schwedis­chen mächtig, zehrt er außer­dem von der mehrbändi­gen Doku­men­tar­bi­ografie, die Erik Tawast­st­jer­na vor eini­gen Jahren her­aus­brachte. Weit­ere Fund­gruben: die Kor­re­spon­denz zwis­chen Sibelius und seinem ver­traut­en Fre­und Axel Carpelan und Bo Wall­ners umfassende Studie über Wil­helm Sten­ham­mar und seine Zeit.
Neben den als zwiespältig erlebten famil­iären Bindun­gen schildert Tarnow die poli­tis­chen Ver­hält­nisse und zeit­geschichtlichen Ereignisse, die auf Sibelius ein­drangen: vom „nationalen Erwachen“, das sich gegen die rus­sis­che Herrschaft wie das kul­turelle Übergewicht der schwedis­chen Min­der­heit richtete, über die Wirren der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion bis zum „Win­terkrieg“ 1939/40, in dem sich Finn­land zäh gegen den sow­jetis­chen Ein­fall vertei­digte, bevor es 1941 in unseliger Allianz mit Hitler-Deutsch­land in den soge­nan­nten Fort­set­zungskrieg ein­trat.
Auch behält der Biograf den kul­turgeschichtlichen Zei­thin­ter­grund durchge­hend im Auge – sei es auf dem sen­si­blen finnisch-schwedis­chen Ter­rain, sei es mit Blick auf Rus­s­land, Frankre­ich oder die sein­er Musik beson­ders gewo­ge­nen angel­säch­sis­chen Län­der. Vor allem in der Musik der skan­di­navis­chen Län­der ken­nt Tarnow sich bestens aus. Angesichts der Fün­ften von Sibelius, der Vierten von Hugo Alfvén Från Havs­ban­det (Vom Saum des Meeres) wie auch Carl Nielsens 4. Sym­phonie Det Uud­slukke­lige (Das Unaus­löschliche), die alle um 1918 ent­standen, spricht er ger­adezu von einem „avant­gardis­tis­chen Forschungsla­bor“ des Nor­dens. Tat­säch­lich ist allen die Idee des „Alles aus einem“ gemein­sam, fol­glich die Nei­gung zur durchkom­ponierten Groß­form.
Wie schw­er es Sibelius sein­er Frau Aino Järne­felt, seinen Fre­un­den und Förder­ern machte – auch davon weiß der Autor ein Lied zu sin­gen. Trunk­sucht und Zigar­renkon­sum, Hypochon­drie und Para­noia nah­men oft­mals groteske Züge an. Bei alle­dem kommt der musik­liebende Leser nicht zu kurz, der (etwa vor einem Konz­ertbe­such) Auf­schluss über einzelne Werke sucht, ohne viel Vor­wis­sen mitzubrin­gen.
Lutz Lesle