Holst, Gustav

Sextett e‑Moll

für Oboe, Klarinette in A, Fagott, Violine, Viola, Violoncello, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ries & Erler, Berlin 2006
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 86

Nur noch sel­ten sind unveröf­fentlichte Werke großer Kom­pon­is­ten der Ver­gan­gen­heit zu ent­deck­en. Und wenn dazu bis­lang noch keine einzige Auf­führung nachzuweisen ist, wird es beson­ders span­nend. Helge Bartholomäus, der Her­aus­ge­ber des vor­liegen­den Noten­ban­des, durfte sich vor eini­gen Jahren auf eine solch span­nende Begeg­nung mit einem Jugendw­erk Gus­tav Hol­sts ein­lassen. Dessen um die vor­let­zte Jahrhun­der­twende und damit gegen Ende Stu­dien­zeit ent­standenes Sex­tett für Oboe, Klar­inette, Fagott, Vio­line, Vio­la und Vio­lon­cel­lo hat Bartholomäus den Archiv­en der British Library entris­sen, aufge­führt und jet­zt im Ver­lag Ries & Erler erst­mals veröf­fentlicht.
Die vier­sätzige Kom­po­si­tion in e‑Moll gibt sich ser­e­naden­haft leicht, durch­sichtig und dur­chaus prag­ma­tisch. Klare For­men gliedern das Zusam­men­spiel von Bläsern und Stre­ich­ern, und bisweilen darf man aus diesem Werk sozusagen ein dop­peltes Trio her­aushören. Unter­stützt wird die Trans­parenz durch eine zurück­hal­tende Behand­lung der Instru­mente, die nicht auf vorder­gründi­ge Vir­tu­osität, son­dern auf ein kam­mer­musikalis­ches Miteinan­der der sechs Instru­mente baut. Auf der anderen Seite zeich­nen sich nur sehr sel­ten (etwa in der Klar­inet­ten- oder der Geigen­stimme) wirk­liche Führungsrollen ab, und ins­beson­dere die bei­den tiefen Stre­ich­er­stim­men Vio­la und Vio­lon­cel­lo müssen doch haupt­säch­lich „Begleitar­beit“ leis­ten. Das Fagott ist da etwas gle­ich­berechtigter in einen Trio-Bläser­satz einge­bet­tet.
Gus­tav Holst begin­nt sein Jugend-Sex­tett mit einem fein auss­chwin­gen­den Mod­er­a­to, das häu­fig Impulse aus der Gegenüber­stel­lung von Bläs­er- und Stre­icher­trio bezieht und immer in Bewe­gung bleibt. Das pointierte Scher­zo sieht die Klar­inette und die Vio­line im Vorder­grund, im Trio hinge­gen dominieren kom­pak­tere, geschlossenere Klänge. Ein selb­st­be­wusstes, dur­chaus Kon­turen wagen­des Andante ste­ht an drit­ter Stelle und zum Finale blitzt in einem viel­gliedri­gen Vari­a­tio­nen­satz schon etwas vom späteren Holst auf. Ein leicht­füßiges The­ma wird in ein­er Hand­voll Vari­a­tio­nen auf ver­schiedene Charak­terzüge hin aus­geleuchtet und macht in forte und piano, im Ada­gio wie im Alle­gro und in Bläsern und Stre­ich­ern eine gute, weil viel­seit­ige Fig­ur.
Die tech­nis­chen Anforderun­gen an alle sechs Musik­er hal­ten sich in Gus­tav Hol­sts Werk in über­schaubaren Gren­zen. Hier sind nicht unbe­d­ingt Vir­tu­osen von Rang, son­dern vielmehr aufmerk­same Gestal­ter gefragt, die dieses fil­igrane Stück Kam­mer­musik behut­sam und leicht­gängig umset­zen. Dabei ist dann auch eher ein ser­e­naden­haft offen­er Ton von Vorteil, der mehr auf Schat­tierun­gen denn auf herbe Kon­traste set­zt.
Daniel Knödler