Celebidachi, Ioana

Sergiu, einmal anders

Meine Erinnerungen an Celibidache

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wißner, Augsburg 2010
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 67

Viel wurde über ihn geschrieben, seine kom­plexe Per­sön­lichkeit aber nie ganz erfasst. Sergiu Celi­bidache blieb als weis­er, genialer, kom­pro­miss­los­er Musik­er ein Ein­samer im Konzertleben. Seine Kri­tik­er beschrieben ihn oft als einen cho­lerischen, selb­st­gerecht­en, sturen Despoten, der sich mit vie­len anlegte und unver­schämt hohe Gagen forderte.
In den Erin­nerun­gen sein­er Ehe­frau Ioana Celebidachi lernt ihn der Leser nun – wie auch der Titel ver­spricht – von ander­er Seite ken­nen: als einen großzügi­gen, güti­gen Mann, der einen trock­e­nen Humor besaß und oft an die Sor­gen ander­er dachte. Spielte er den Wei­h­nachts­mann, griff er tief in die Tasche für ganz pro­fane Dinge. Augen­zwinkernd schildert die Autorin, wie Celi ein­mal bei einem Einkaufs­bum­mel einem alten, zahn­losen Weiblein ein Gebiss spendiert habe.
Das Büch­lein Sergiu, ein­mal anders enthält viele pointen­re­iche Anek­doten, die die Autorin assozia­tiv oder the­ma­tisch zusam­men­stellt. Auch for­mal wirkt es sehr per­sön­lich: Ioana Celebidachi erzählt ihre Episo­den
in 34 Briefen an eine Fre­undin. In den ersten skizziert sie die Vorgeschichte ihrer Kün­stlere­he. Geboren wur­den Sergiu und Ioana in Rumänien, doch ihre Liebe ent­deck­ten sie in Ital­ien. Der Feuerkopf Celi­bidache, den die Frauen so umschwärmten, war auch pri­vat ein großer Roman­tik­er.
Die Diri­gen­ten­gat­tin ist haupt­beru­flich auch eine Kün­st­lerin, allerd­ings sind ihre Werkzeuge für gewöhn­lich Pin­sel, Krei­den, Far­ben und Tusche. Ihr Büch­lein ist von leichter Hand geschrieben, erhebt jedoch keinen hohen lit­er­arischen Anspruch. Es lebt von den unglaublichen Aben­teuern, die sie an Sergius Seite erlebt hat. In den vielle­icht schön­sten Geschicht­en lernt man den Charis­matik­er Celi­bidache als einen liebenswerten Tier­fre­und ken­nen, der sog­ar mit Kreb­sen und Lan­gusten Mitleid ver­spürte. Ein­mal hat er einem staunen­den Fis­ch­er seine gesamte Ware abgekauft und jubel­nd zurück ins Meer gewor­fen.
En pas­sant erfährt der Leser, dass Sergiu Celi­bidache auch kom­poniert hat. Und zwar nicht nur den Taschen­garten, ein sym­phonis­ches Stück für Kinder, das er selb­st urauf­führte, son­dern auch diverse andere sin­fonis­che Werke, die jedoch bis heute nie aufge­führt wur­den. Er hat­te wohl keinen Ehrgeiz, sie dem Pub­likum vorzustellen.
Oft darf geschmun­zelt wer­den, denn Sergiu, ein­mal anders ist in erster Lin­ie ein heit­eres Buch. Manche komö­di­antis­che Szenen wirken ger­adezu film­reif: Der Mae­stro, er fand tat­säch­lich ein­mal in Ital­ien kurz vor ein­er Auf­führung beim Umk­lei­den seine Hose nicht.
Mit dutzen­den solch­er aber­witziger, skur­ril­er Anek­doten ist das schmale Bänd­chen eine höchst unter­halt­same Lek­türe und eine wertvolle Ergänzung zu allen bish­eri­gen Biografien über Sergiu Celi­bidache, in denen er pri­vat stets unter­be­lichtet blieb. Schwarz-weiße Auf­nah­men aus dem Fotoal­bum der Fam­i­lie run­den diese Pub­lika­tion ab, die das weit ver­bre­it­ete Bild von Celi­bidache als einem granti­gen, mür­rischen Queru­lanten zurechtrückt. Beson­ders all jene, die ihn liebten und verehrten, wer­den ihre Freude daran haben.
Kirsten Liese