Mozart, Wolfgang Amadeus

Serenade Es-Dur KV 375

für Bläseroktett, Urtext, Studienpartitur/Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2005
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 90

Nach dem Tod Lenins schnit­ten rus­sis­che Wis­senschaftler das Gehirn des großen Rev­o­lu­tionärs in Scheiben, um so der „Sub­stanz sein­er Genial­ität“ auf die Spur zu kom­men. Und auch Mozarts ver­meintlich­er Schädel, der in einem Salzburg­er Panz­er­schrank lagert, ist schon von Heer­scharen wiss­be­gieriger Anthro­polo­gen unter­sucht und ver­messen wor­den, die sich daraus Ein­blick in das Phänomen des musikalis­chen Genies erhofften. Dass wed­er die Poli­tik noch die Musik­welt von diesen frag­würdi­gen Unter­suchun­gen um ernst zu nehmende Erken­nt­nisse bere­ichert wur­den, kann man sich denken.
Gott sei Dank ist die Wis­senschaft inzwis­chen dahingekom­men, sich dem Genie über die geisti­gen Hin­ter­lassen­schaften his­torisch­er Per­sön­lichkeit­en zu näh­ern und nicht durch pietät­lose Störung der Toten­ruhe. In diesem Sinne kön­nen zwei kür­zlich erschienene Neuaus­gaben des Hen­le-Ver­lags vielle­icht bei genauer Betra­ch­tung einen kleinen Ein­blick in das Geheim­nis der Instru­men­tierungskun­st Wolf­gang Amadeus Mozarts, ins­beson­dere sein­er kom­pos­i­torischen Behand­lung der Blasin­stru­mente geben.
Hen­rik Wiese veröf­fentlichte als Urtex­taus­gaben die Sex­tett- und Oktet­tfas­sung der Bläserser­e­nade Es-Dur KV 375. Bei­de Ver­sio­nen sind (zum aller­größten Teil zumin­d­est) auto­graf über­liefert. Der Her­aus­ge­ber hält sich in sein­er Edi­tion bis hin zur Balkenset­zung peni­bel an die Hand­schriften und kommt, obgle­ich es sich ja um ein- und dieselbe kom­pos­i­torische Sub­stanz han­delt, zu dem Ergeb­nis: „Bei­de Fas­sun­gen unter­schei­den sich in so vie­len Details, dass sie als eigen­ständig zu beze­ich­nen sind; auf eine Angle­ichung wurde daher verzichtet.“
Und eben das macht diese bei­den Par­ti­turen zu ein­er Fund­grube für alle, die Mozarts Kom­po­si­tion­stech­nik tiefer ergrün­den wollen: Die Erweiterung des Sex­tetts mit jew­eils zwei Klar­inet­ten, Hörn­ern und Fagot­ten um zwei Oboen zeigt an zahllosen Details deut­lich das Bemühen des großen Salzburg­er Meis­ters, die Kam­merkom­po­si­tion „den blaßin­stru­menten eigen“ und gle­ich­wohl sin­fonisch wirkungsvoll zu gestal­ten. So ist anhand der bei­den Edi­tio­nen zu beobacht­en, wie Mozart eine melodis­che Lin­ie nicht immer in der abso­lut gle­ichen Gestalt übern­immt, wenn er zum Beispiel ein ursprünglich für Klar­inette kom­poniertes Motiv auf die Oboe überträgt. Über­raschend auch eine Pas­sage im Final­satz, in der die Melodielin­ie, die in der Ursprungs­fas­sung alternierend von den bei­den Klar­inet­ten aus­ge­führt wird, nicht nur an die Oboe weit­erg­ere­icht wird, son­dern plöt­zlich ins Fagott wan­dert, das an der analo­gen Stelle der Sex­tet­tfas­sung lediglich beglei­t­ende Funk­tion hat­te…
In die Prob­lematik der Edi­tio­nen führt der Her­aus­ge­ber mit Hil­fe eines pointierten Vor­worts ein. Dieses find­et sich, eben­so wie der detail­lierte Revi­sions­bericht, nicht nur in den Par­ti­turen, son­dern auch in der ersten Stimme des vor­bildlichst gestal­teten Auf­führungs­ma­te­ri­als.
Bernd Distelkamp