Ries, Ferdinand

Septet & Octet

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 999 937-2
erschienen in: das Orchester 12/2005 , Seite 77

Da nun die Ries-Ein­spielun­gen bei cpo zu ein­er repräsen­ta­tiv­en Samm­lung und einem pass­ablen Werk­quer­schnitt angewach­sen sind, kann kein­er mehr fra­gen: Ries, wer war denn das? Natür­lich war der eben­falls aus ein­er Bon­ner Musik­er­fam­i­lie stam­mende Fer­di­nand Ries kein zweit­er Beethoven; auch Septett und Oktett zeigen musikalis­ches Mit­tel­maß mit schö­nen und auch orig­inellen Momenten gewürzt. Als Schüler von Peter von Win­ter in München und Beethoven in Wien arbeit­ete Ries nach eini­gen Wan­der­jahren als Pianist, Klavier­lehrer, Kom­pon­ist und Konz­er­tor­gan­isator.
Für ein Paris­er Pub­likum ent­stand 1808 sein Septett op. 25, das in Deutsch­land und Frankre­ich recht pop­ulär wurde, in ein­er Beset­zung mit Klavier, Klar­inette, zwei Hörn­ern und Stre­ich­ern. Es markiert den Beginn der Gat­tung Klavierseptett im 19. Jahrhun­dert. Acht Jahre später wurde das Klavierok­tett op. 128 in Lon­don uraufge­führt, eben­falls mit tiefer Bläserbe­set­zung – Klar­inette, Horn und Fagott – und Stre­ich­ern. In der Fak­tur des Werks gewin­nt häu­fig das Konz­erthafte gegenüber dem kam­mer­musikalis­chen Duk­tus die Ober­hand.
Die Inter­pre­ta­tion von Septett und Oktett durch das Linos-Ensem­ble ist dop­pelt ver­di­en­stvoll. Auf der einen Seite wird vergessene Musik in sehr angenehmer Weise zu Gehör gebracht. Lieb­habern klas­sis­ch­er Kam­mer­musik wird ein neues Puz­zleteilchen der Epoche in die Hand gelegt. Das Linos-Ensem­ble musiziert selb­stvergessen schön. Kon­stanze Eick­horst perlt auf dem Klavier Ries’ vir­tu­osen Part, als säße sie mit ihren Mit­spiel­ern bei ein­er Por­tion Sah­ne­torte. Die große Anstren­gung, die diese Musik abfordert, ist kaum hör­bar. Dieses „Liebliche“ macht wiederum den zweit­en Ver­di­enst der – wieder ein­mal bril­lant abgemis­cht­en – cpo-Auf­nahme (gemein­sam mit dem Bay­erischen Rund­funk) aus: Sie ani­miert hof­fentlich Kam­mer­musik­er zu anderen Inter­pre­ta­tio­nen, sodass die Werke auch auf die Konz­ert­po­di­en gelan­gen.
Denn die Linos-Leute reizen auf dieser Auf­nahme Ries’ Kam­mer­musik nicht völ­lig aus. Man kön­nte sich auch eine weniger lukullis­che Inter­pre­ta­tion vorstellen, die in der Impuls­ge­bung stärk­er an Beethoven-Inter­pre­ta­tio­nen geschult sein kön­nte. Der Trauer­marsch im Septett kön­nte mehr Zer­ris­senheit ver­tra­gen. Im Oktett, das zugegeben­er­maßen als Klavier-Paradestück angelegt ist, kön­nten sich die Stre­ich­er und Bläs­er stärk­er emanzip­ieren. Als ein drit­ter Ver­di­enst der Ein­spielung wäre uns zu wün­schen, dass nun immer mehr Musik­er die Kom­pon­is­ten zwis­chen Beethoven und Schu­mann wie Spohr, Burgmüller, Onslow oder Fes­ca in den Bib­lio­theken aus­graben und wir sie ken­nen ler­nen dür­fen.
Das Linos-Ensem­ble musiziert seit 1978 in ver­schiede­nen Beset­zun­gen und hat inzwis­chen über 80 Werke in seinem Reper­toire, das von Bach bis Stock­hausen reicht. Das Ensem­ble beste­ht aus elf fes­ten Mit­gliedern, die sich für ihre Tournee- und CD-Pro­gramme sowie für ihre Auftritte auf europäis­chen Musik­fes­ti­vals regelmäßig Gäste ein­laden. Namentlich in dieser Pro­duk­tion seien beson­ders erwäh­nt die ein­heitlich und immer präzise agieren­den Bläs­er: Rain­er Müller-van Recum, mit wun­der­bar auf­blühen­dem Klar­inet­ten-Ton, die Hor­nisten Xiao min Han und Sebas­t­ian Jurkiewicz (als Gast) in gekop­pel­ten Par­tien des Septetts als siame­sis­che Zwill­inge sowie der ein­fühlsame Fagot­tist Eber­hard Marschall.
Katha­ri­na Hofmann