Pergolesi, Giovanni Battista (?)

Septem verba a Christo

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Harmonia mundi HMC 902155
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 68

Hin und wieder hat die Musik­welt Glück und es wer­den in Archiv­en oder klöster­lichen Bib­lio­theken schlum­mernde Manuskripte beson­der­er Qual­ität ent­deckt. Im Jahr 2009 gelang dem Musik­wis­senschaftler Rein­hard Fehling im niederöster­re­ichis­chen Stift Kremsmün­ster ein solch­er Fund: Septem ver­ba a Chris­to (Sieben Worte Jesu), ein Werk, das ver­mut­lich aus der Fed­er von Gio­van­ni Bat­tista Per­gole­si stammt. Eine Orig­i­nal­hand­schrift ist nicht erhal­ten, jedoch ste­ht auf mehreren Abschriften Per­gole­sis Name. Kür­zlich erschien eine kri­tis­che Neuaus­gabe bei Bre­itkopf & Här­tel. Der Diri­gent René Jacobs hat diese Sieben Worte jet­zt mit exzel­len­ten Solis­ten und der Akademie für Alte Musik Berlin aufgenom­men.
Die Musik­wis­senschaft weiß eigentlich schon seit etwa 100 Jahren von diesem Werk, 1882 wurde es in der Bay­erischen Staats­bib­lio­thek kat­a­l­o­gisiert. In den 1930er Jahren taucht­en in zwei Klöstern weit­ere Abschriften auf, eine Musik­wis­senschaft­lerin führte sog­ar eine Analyse durch. Doch nichts passierte. Auch nicht, als immer­hin der Diri­gent Her­mann Scherchen um 1950 eine Abschrift in der Zürcher Zen­tral­bib­lio­thek als „eines der innig­sten Kunst­werke“ beze­ich­nete. Rein­hard Fehling hat alle Quellen ver­glichen und ist – wie René Jacobs – überzeugt, dass die Septem ver­ba von Per­gole­si stam­men.
Die Sieben Worte sind ein ein­stündi­ges med­i­ta­tives Ora­to­ri­um, ein Zyk­lus von sieben Kan­tat­en. In jed­er Kan­tate gibt es jew­eils zwei Arien. Die erste singt Jesus, die zweite „Ani­ma“ – gemeint ist die „gläu­bige Seele“. Jesus wird „doc­tor opti­mae“ genan­nt, was als „bester Lehrer“ zu ver­ste­hen ist. Die Jesus-Worte am Kreuz, die ohne Orch­ester zu Anfang jed­er Kan­tate intoniert wer­den, para­phrasiert der sin­gende Jesus in seinen Arien, sie sind eine Art the­ol­o­gis­ch­er Kom­men­tar. In den Ani­ma-Arien wird inhaltlich Bezug auf die Jesus-Worte genom­men. Zum Beispiel antwortet die Seele auf: „Mein Gott, warum hast du mich ver­lassen?“, mit: „Wenn ich dich, Jesus, so betrübt und ver­lassen sehe, ergreift mich Scham.“ So entste­ht ein Dia­log zwis­chen Jesus und der „gläu­bi­gen Seele“. Die frühen Ora­to­rien um 1600 waren solche geistlichen Dialoge, eine Tra­di­tion, die sich noch in den Dia­log-Kan­tat­en Bachs find­et.
René Jacobs hat mit der Sopranistin Sophie Karthäuser, dem Coun­tertenor Christophe Dumaux, dem Tenor Julien Behr und dem Bassis­ten Kon­stan­tin Wolff ein exzel­lentes Solis­ten-Quar­tett, das mit stilis­tis­chem Feinge­fühl agiert. Die fan­tasievolle, far­bige Instru­men­ta­tion – u. a. mit Solo-Horn –, die zahlre­ichen musikalis­chen Tex­taus­deu­tun­gen wer­den von der Akademie für Alte Musik Berlin lebendig, ja, wie sprechend umge­set­zt, noch dazu mit einem wun­der­bar war­men Klang in den Stre­ich­ern.
Mit let­zter Sicher­heit lässt sich nicht sagen, ob tat­säch­lich Per­gole­si den Kan­taten­zyk­lus Die sieben Worte Jesu kom­poniert hat. In sein­er Form und der ungewöhn­lichen Instru­men­tierung ist das Werk sin­gulär. Es ist eine erstk­las­sige Kom­po­si­tion, die es lohnt, zu ken­nen. Da ist es eigentlich unwichtig, ob sie von Per­gole­si oder einem anderen großen Meis­ter geschrieben wurde.

Elis­a­beth Richter