Meyerbeer, Giacomo

Semiramide

Dramma per musica

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos 8.660205-06, 2 CDs
erschienen in: das Orchester 04/2007 , Seite 83

Das preiswerte Label Nax­os hat sich rel­a­tiv spät zu eigen­pro­duzierten Oper­nauf­nah­men entschlossen. Inzwis­chen bietet es aber sog­ar Mitschnitte von Auf­führun­gen großer Häuser an. Neueren Datums ist die Serie „Rossi­ni in Wild­bad“.
Das würt­tem­ber­gis­che Bad Wild­bad ist ein beschaulich­er Ort, aber sein som­mer­lich­es Rossi­ni-Fes­ti­val erfreut sich enor­men inter­na­tionalen Zus­pruchs. Seit im Jahr 2005 das alte Kurthe­ater restau­ri­ert wurde, gibt es neben dem Kurhaus­saal sog­ar eine zweite Spiel­stätte. Wegen begren­zter Büh­nen­maße hier wie da beschränkt man sich generell auf kleinere Werke, für die oft Rossi­ni-Spezial­ist Alber­to Zed­da zur Ver­fü­gung ste­ht. Ergänzend wird auch das Œuvre von Rossi­nis Zeitgenossen gepflegt.
So wid­mete man sich 2005 der völ­lig vergesse­nen Semi­ramide des jun­gen Gia­co­mo Meyer­beer. Genau das Richtige für den archivarisch beflis­se­nen Diri­gen­ten Richard Bonyn­ge. Die Rossi­ni-Ver­sion des Stoffes hat er vor Jahren mit sein­er „Stupenda“-Gemahlin Joan Suther­land für die Schallplat­te aufgenom­men (vor kurzem neu auf CD erschiene­nen). Dies sei schon deswe­gen erwäh­nt, weil dieses Werk erst­mals auf die Tragödie Voltaires von 1748 zurück­greift, während sich die rund vierzig Semi­ramis-Opern des 18. Jahrhun­derts auf den Text von Pietro Metas­ta­sio stützen. Meyer­beer fol­gte dieser Tra­di­tion ein let­ztes Mal. Später sollte er ohne­hin Repräsen­tant für das Genre der Grande Opéra wer­den.
Auf dem Wege dor­thin, also auch bei Semi­ramide, bedi­ente sich Meyer­beer aber gerne bei bekan­nten Vor­bildern, unter ihnen Rossi­ni. Die Wild­bad­er Semi­ramide bedeutet somit nicht nur eine mutige Aus­grabung, son­dern doku­men­tiert darüber hin­aus eine operngeschichtlich und stilis­tisch beson­dere Sit­u­a­tion.
Meyer­beers Werk (an welchem bis­lang sog­ar das Label Opera Rara vor­beig­ing) stellt nun freilich keine bloße Kopie von Beste­hen­dem dar, son­dern demon­stri­ert bere­its einen „frühreifen“ Umgang mit den Möglichkeit­en der Orch­ester­sprache, mit instru­men­taler Koloris­tik, was Bonyn­ge mit der Würt­tem­ber­gis­chen Phil­har­monie Reut­lin­gen bril­lant unter­stre­icht. Vieles freilich klingt immer noch sehr Ital­ian­ità-geprägt, und die Gesangspar­tien sind primär nach Bel­can­to-Bedürfnis­sen aus­gerichtet. Tra­di­tionell-pauschal wirken die hand­lungstra­gen­den Rez­i­ta­tive.
Nun muss man die Sto­ry um Liebe und Intri­gen so genau nicht ken­nen (ler­nen), um Freude an dem ariosen Pomp und dem Feuer­w­erk der Koloraturen zu find­en, für die vor allem Deb­o­rah Riedel in der Titel­par­tie mit kraftvoller Stimme und Olga Perety­atko (Tamiri) mit etwas zarterem Organ ein­ste­hen. Bei den Män­nern imponiert beson­ders Fil­ip­po Ada­mi (Ircano) mit leichtem, beweglichen Tenor.
Matthias Norquet