Werke von Rebecca Czech, András Derecskei, Benjamin Heim und anderen

Secret Places

The Twiolins: Marie-Luise & Christoph Dingler

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 73

Den Crossover Com­po­si­tion Award (CCA) in Mannheim fan­den bei sein­er drit­ten Auflage 2015 schon 350 Kom­pon­is­ten aus 55 Natio­nen so attrak­tiv, dass sie ihre Werke ein­schick­ten: etwa fünf Minuten kurze Stücke für die nicht ger­ade alltägliche Beset­zung mit zwei Vio­li­nen. Gewin­nen soll, was gefällt – zunächst ein­er Fachjury, let­z­tendlich dem Pub­likum im Wet­tbe­werb­skonz­ert. Die Zuhör­er entschei­den über die Rang­folge der Final­is­ten. Ins Leben gerufen hat diesen Wet­tbe­werb das Geigen­duo Marie-Luise & Christoph Din­gler aus Mannheim, das in seinem Kün­stler­na­men „The Twiolins“ die Geschwis­ter­lichkeit zum Marken­ze­ichen macht.
Zum alle drei Jahre stat­tfind­en­den CCA-Wet­tbe­werb erscheint eine CD, die dies­mal die für exzel­lente Klangtech­nik bekan­nte Pro­fil Edi­tion Gün­ter Hänssler auf­nahm. Secret Places ist ein kun­ter­bunter Mix in jed­er Beziehung. Neben den sechs Preisträger­stück­en sind eine Hand­voll Reper­toirew­erke von The Twio­lins aufgenom­men, die die Sache ziem­lich abwech­slungsre­ich machen. Cross-over ist natür­lich Pro­gramm, darum geht es ja schließlich. Und so grasen die Kom­pon­is­ten genüsslich auf den Wiesen des Jazz, Pop, Rock und Ambi­ent, fügen hier eine Prise Volksmusik bei, schwören dort unmissver­ständlich auf Min­i­mal Music.
Das hört sich let­ztlich span­nen­der an, als es ist. The Twiolins gehen gewis­senhaft an die Par­ti­turen, leg­en sehr großen Wert auf ein geschlossenes Klang­bild, Akku­ratesse, Sauberkeit. Allein ihre musikalis­che Potenz ist begren­zt. Oft klingt die Musik, wenn sie impro­visiert sein soll, banal, was nicht nur an den Kom­po­si­tio­nen liegt. Benedikt Bry­derns (*1966) Siegerstück Schillers Nacht­flug immer­hin entwick­elt eini­gen Charme in sein­er Mis­chung aus Pop und Min­i­mal. Bry­dern hat­te schon 2009 einen ersten Preis beim CCA abge­sah­nt.
Hüb­sch auch das erste Stück des Albums, Rebek­ka Czechs Ich glaub’, es gibt Regen, bei dem die Regen­tropfen nicht nur pizzen, son­dern auch ohne Geigen fall­en. Jens Hubert (*1973), Träger des 2. Preis­es, wählt für sein Stück Rock you vs. Bal­le­ri­na die klas­sis­che Lied­form, um ein Bat­tle zwis­chen ein­er zarten Geigen­melodie und rock­ig rhythmi­sierten Dop­pel­griff-Pat­terns auszu­tra­gen. Johannes Mey­er­höfer (*1986), der mit seinem Stück Atem + Licht auf Platz drei des CCA lan­dete, merkt man seine Erfahrung mit ambi­en­tem Kom­ponieren an. Die Behand­lung der Geigen wirkt licht­durch­flutet und organ­isch, dabei kein biss­chen eso­ter­isch, wie der Titel ver­muten ließe. Dass die Twiolins das einiger­maßen sauber hinkriegen, ist dur­chaus zu würdi­gen.
Den Wet­tbe­werb hat­te das Geigen­duo mit dem ehren­werten Ziel ins Leben gerufen, frischen Wind in die Kam­mer­musik­szene zu brin­gen. Die große Res­o­nanz auf dieses Unter­fan­gen scheint zumin­d­est dafür zu sprechen, dass in dem Feld zwis­chen Klas­sik und den pop­ulär­eren Musik­stilen einiges los ist. Die CCA-Preis­gelder von ins­ge­samt 11000 Euro, davon 5000 Euro für den Sieger, dürften dem nicht ger­ade auf Rosen gebet­teten Kom­pon­is­ten-Nach­wuchs sehr willkom­men sein.
Armin Kau­manns