Titz, Anton Ferdinand

Sechs Streichquartette (1781)

dem russischen Gesandten Fürsten Dmitri Michajlowitsch Golizyn gewidmet, hg. von Klaus Harer, Bd. 1 und 2, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Gravis, Berlin 2010
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 66

Auf „Neuent­deck­un­gen“ gibt es jew­eils zwei mögliche Reak­tio­nen, entwed­er: „Ver­ständlich, dass das bish­er nicht ent­deckt wor­den ist, hätte man auch nicht ent­deck­en müssen“, oder: „Don­ner­wet­ter, dass man so etwas noch ent­deck­en kann!“ Die sechs „Golizyn-Quar­tette“ von 1781, mit denen der Her­aus­ge­ber Klaus Har­er und der Ver­lag Edi­tion Gravis nach den bere­its vor­liegen­den „Teplow-Quar­tet­ten“ ihre Titz-Ini­tia­tive fort­set­zen, gehören ein­deutig zur zweit­en Kat­e­gorie, und man kann nur hof­fen, dass von den vie­len muti­gen Musik­ern, die im 18./19. Jahrhun­dert nach dem Osten emi­gri­ert sind, um Arbeit, Geld und Ruhm zu find­en, noch viele solch­er Schätze zu heben sind!
Titz’ Musik ist sehr gut und fan­tasievoll geschrieben und weit mehr als nur „Unter­hal­tung“ (dass die Qual­ität der Stücke nicht total gle­ich­bleibend ist, kommt auch bei den berühmteren unter Titz’ Kol­le­gen vor). The­matik, Mod­u­la­tion­s­gang, „Gle­ich­berech­ti­gung“ der Instru­mente, Durch­führung­steile sind ideen­re­ich – Titz war Geiger und wusste, was instru­men­tal Effekt macht und im Ensem­ble gut klingt. Beson­der­heit­en – wie z.B. das Trio eines Menuetts von der 1. Vio­line allein spie­len zu lassen – find­et man nicht ein­mal bei den großen Namen der dama­li­gen Quar­tett-Pro­duk­tion. Die Stücke sind bere­its mit dem Hoffmeis­ter-Quar­tett auf Instru­menten der Zeit in ein­er sehr ansprechen­den Inter­pre­ta­tion einge­spielt wor­den und auch an die Stät­ten von Titz’ Wirken in Rus­s­land auf Tournee gegan­gen: Genau so ver­mit­telt man heute, auf den ver­schiede­nen Ebe­nen, aber miteinan­der ver­bun­den, solche Pro­jek­te der bre­it­eren Öffentlichkeit.
Auch die Edi­tion lässt keine Wün­sche offen. Der Noten­satz ist vorzüglich, das Vor­wort sehr gut und höchst infor­ma­tiv, Quel­lenangabe, Kri­tis­ch­er Bericht und Lit­er­aturhin­weise ermöglichen weit­ere Beschäf­ti­gung mit diesem sehr speziellen Vio­lin­is­ten und Kom­pon­is­ten, der als Erster am rus­sis­chen Hof Kathari­nas der Großen und Alexan­ders I. die Quar­tette sein­er Zeitgenossen (Haydn und andere) zur Auf­führung brachte und eigene Werke dieser Gat­tung her­aus­brachte. Die abge­bildete Seite aus dem orig­i­nalen Stim­men-Druck von Artaria 1781 lässt den Gedanken aufkom­men, es sei bei dieser Druck-Qual­ität dur­chaus möglich, aber noch schön­er und anre­gen­der, vom Fak­sim­i­le zu spie­len. Aber natür­lich beste­ht ein hoher „Mehrw­ert“ der mod­er­nen Aus­gabe darin, dass sie neben den Stim­men die Par­ti­tur ein­schließt, und wenn diese im Com­put­er geset­zt ist, fall­en die Stim­men „auf Mausklick“ qua­si von alleine ab.
Jedem Stre­ichquar­tett, das offen ist für Neues, sei die Beschäf­ti­gung mit diesen Werken anemp­fohlen, die ein­drück­lich beweisen, dass ein inven­tiv­er Geist auch heute noch zu anre­gen­den und hor­i­zon­ter­weit­ern­den Trou­vaillen führen kann – für die Aus­führen­den wie fürs Pub­likum.
Peter Reidemeister