Vaughan Williams, Ralph

Sea Songs/Concerto for Bass Tuba/Symphony No. 5

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 86064
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 92

Ralph Vaugh­an Williams (1872–1958) gilt als eine Galions­fig­ur der britis­chen Musik im 20. Jahrhun­dert. Entsprechend gut ist sein Schaf­fen auf dem (englis­chsprachi­gen) Ton­träger­markt vertreten. In deutschen Konz­ert­sälen hört man sel­ten Werke von ihm, obwohl sein Stil durch seine Tonal­itätsver­bun­den­heit beim Pub­likum meist sehr gut ankommt. Angesichts har­ter und härtester Konkur­renz scheint es gle­ich­wohl etwas gewagt, als deutsches Orch­ester – ohne die langjährige und regelmäßige Auf­führung­sprax­is dieser Musik – eine CD vorzule­gen, überdies mit Werken, die keineswegs als beson­ders rar im Kat­a­log beze­ich­net wer­den kön­nen.
In Eng­land wird Sea Songs (1923, Orch­ester­fas­sung 1942) – ein Marsch ursprünglich für Mil­itärkapelle – gerne als Zugabe gegeben, die Ver­wen­dung hier als „Open­er“ gibt dem Stück ein Gewicht, das ihm nicht zukom­men kann. Eine Qual­ität von Hilgers’ Diri­gat kommt gle­ich­wohl bestens zur Gel­tung: stark­er rhyth­mis­ch­er Dri­ve, große Energie, gle­ichzeit­ig fast zu wenig Gele­gen­heit zum freien Atmen. Hier­mit erlangt der Marsch eine fast aggres­sive Ziel­gerichteth­eit, die ihm von Vaugh­an Williams’ Inten­tio­nen her eher fern liegt.
Das Tubakonz­ert, 1954 als let­ztes sein­er Solokonz­erte ent­standen, präsen­tiert Hilgers als Solis­ten (er ist Solo­tubist der Wiener Phil­har­moniker). Sein unglaublich­es Lega­to, sein aus­ge­sprochen weich­er Klang ver­mit­teln das Gefühl, ein großer fre­undlich­er Bär brumme hier sein Konz­ert. So phänom­e­nal diese tech­nis­che Seite ist, so fehlt es doch lei­der etwas an weit­eren Klang­far­ben und damit stärk­er­er Span­nung im Solopart – Richard Nahatz­ki, Solist des Deutschen Sym­phonie-Orch­esters Berlin in ein­er Ein­spielung aus dem Jahr 1993 (Capric­cio 10522) zeigt, dass dem Werk noch mehr klan­gliche Valeurs abge­won­nen wer­den kön­nen. Das Bran­den­bur­gis­che Staat­sor­ch­ester jeden­falls schlägt sich aus­ge­sprochen gut, etwa im Ver­gle­ich zur Roy­al Bal­let Sin­fo­nia in der kür­zlich erschiene­nen Ein­spielung für das Label Nax­os (8.557754).
Schließlich die fün­fte Sin­fonie (1938–43, rev. 1951) – Vaugh­an Williams’ vielle­icht schwierig­ste Sin­fonie, da sie teil­weise auf Mate­r­i­al basiert, das gle­ichzeit­ig zu ein­er Oper ver­ar­beit­et wurde. Die große Spir­i­tu­al­ität des Werks hat auch eini­gen englis­chen Ein­spielun­gen zu schaf­fen gemacht – und dadurch, dass das deutsche Orch­ester das Werk nicht wirk­lich in- und auswendig ken­nt, bleibt die hier vorgelegte Ein­spielung hin­ter den besten englis­chen zurück. Dies liegt auch daran, dass die Blech­bläs­er (ins­beson­dere Trompe­ten und Hörn­er) gele­gentlich leicht scharf, fast vul­gär wirken.
Dem Kopf­satz lässt Hilgers überdies aber­mals nicht genug Luft zum Atmen – auch hier schränkt seine starke Impul­skraft die Wirkung etwas ein; wahrschein­lich wäre eine andere Sin­fonie von Vaugh­an Williams (etwa die vierte oder sech­ste) seinem Inter­pre­ta­tion­sansatz ent­ge­gengekom­men, obwohl er nach dem Kopf­satz zeigt, dass ihm – vielle­icht mit ein wenig län­gerem Reifen – eine vol­lkom­men überzeu­gende Inter­pre­ta­tion gelun­gen wäre. Schade, denn der Ein­satz des Labels Gen­uin für weniger bekan­nte Musik ist lobenswert und in Großbri­tan­nien ist noch genug zu ent­deck­en.
Jür­gen Schaarwächter