Helmut Lachenmann

Schwankungen am Rand

Lachenmann Perspektiven 3, DVD-Reihe zum Orchesterwerk Helmut Lachenmanns, Musik der Jahrhunderte

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel
erschienen in: das Orchester 09/2019 , Seite 69

Eine DVD mit dem Ver­merk „Lehrpro­gramm“ auf dem Cov­er assozi­iert didak­tisch ver­mit­teltes Wis­sen, in diesem Falle wom­öglich die the­o­retis­che Ein­führung in das Werk Hel­mut Lachen­manns mit erhoben­em Zeigefin­ger und physikalis­chen Erläuterun­gen der beson­deren Spiel­tech­niken. Stattdessen ent­pup­pt sich die dritte von sieben DVDs der Rei­he Lachen­mann Per­spek­tiv­en sofort als unter­halt­same, infor­ma­tive und mit hüb­schen Details gespick­te Samm­lung von Proben­szenen und einem abschließen­den Konz­ert.

Auch Hel­mut Lachen­mann selb­st kommt gle­ich zu Beginn zu Wort und beschreibt sein 1975 ent­standenes Werk Schwankun­gen am Rand klar und ein wenig kauzig. Dass das Back­pa­pi­er des Kom­po­si­tion­s­jahres, das beson­ders delikat raschelte und knis­terte, nun nicht mehr zu find­en sei und seine Frau ihm stattdessen mod­ernes Back­pa­pi­er besorgt habe, das aber doch anders zu hand­haben sei, um den gewün­scht­en akustis­chen Effekt zu erzie­len, ist ihm dabei sehr wichtig. Und er geste­ht, dass Naturg­eräusche ihn immer inspiri­ert haben: „Ich weiß nicht, ob ein Kom­pon­ist so viel Fan­tasie hätte wie die Natur. Da bin ich in der Tra­di­tion von Gus­tav Mahler.“

Die DVD beste­ht aus drei Haupt­teilen: Lachen­mann selb­st erläutert dieses Werk, viele Proben­szenen illus­tri­eren Details der Arbeit zweier Ensem­bles am Werk und abschließend fol­gt die kom­plette konz­er­tante Auf­führung.

Das Ensem­ble Mod­ern Orches­tra (Ltg.: Brad Lub­man) und das Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin (Ltg.: Emilio Pomàri­co) wur­den, unab­hängig voneinan­der und an ver­schiede­nen Orten, bei den Proben des Werks gefilmt. Präzise Anweisun­gen Lachen­manns und möglichst genaue Umset­zung der Musik­er, aber auch das Engage­ment, mit dem in diesen Proben gear­beit­et wurde, machen beim Zuschauen Freude. Das Don­nerblech beispiel­sweise, gern als grum­meliges Spielzeug der Schlagzeuger für grelle Effek­te belächelt, kommt beachtlich sen­si­bel zum Ein­satz. Ger­ade in den Probe­nauss­chnit­ten des Ensem­ble Mod­ern erhält es viel Raum, um seine ganze unge­wohnte Pracht den Wün­schen Lachen­manns gemäß zu ent­fal­ten. Die Hand­habung des Bogens der Stre­ichin­stru­mente demon­stri­ert Lachen­mann, agil und wach, selb­st. Es wird deut­lich, wie genau seine Klangvorstel­lun­gen sind und wie wichtig es ist, diese möglichst kor­rekt umzuset­zen, damit die Musik ihre ganze Far­bigkeit und Delikatesse ent­fal­tet. Das Bespie­len der Klavia­turen der Flügel mit einem akustisch passenden Plas­tik­bech­er wird eben­so zele­bri­ert wie das Knüllen des Back­pa­piers.

Das abschließende Konz­ert – hier ist das Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin zu sehen und zu hören – ist für Auge und Ohr ein Genuss. Erstk­las­sig gespielt und durch gut geschnit­tene Per­spek­tiv­en sauber auf­bere­it­et wirkt alles frisch und span­nend bis zum let­zten Ton. Diese DVD ist Teil ein­er Rei­he, die das Werk Lachen­manns späteren Gen­er­a­tio­nen doku­men­tarisch erhal­ten will. Sprech­er oder Kom­men­ta­toren treten löblicher­weise nicht auf.

Heike Eick­hoff