Weinberger, Jaromír

Schwanda, der Dudelsackpfeifer

live from the Semperoper 2012, 2 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Profil/Edition Günter Hänssler PH13039
erschienen in: das Orchester 07-08/2014 , Seite 80

Jaromír Wein­berg­er gehört zu jen­er Unzahl jüdis­ch­er Kom­pon­is­ten, denen die Kul­tur-Holzhack­er der Naz­ifrak­tion, so sie ihnen nicht gar nach Leib und Leben tra­cht­en kon­nten, das große Vergessen zugedacht hat­ten, und im Fall Wein­berg­er wäre das beina­he geglückt. Denn auf den Opern­büh­nen ist dieser Wel­ter­folg des Jahres 1927 nur noch sel­ten zu erleben. Umso erstaunlich­er, dass nicht lange nach 2004 (Nax­os) jet­zt bei Profil/ Edi­tion Gün­ter Hänssler schon die zweite CD-Gesamtein­spielung vor­liegt.
Eine Kurz­fas­sung dieser recht ver­wor­re­nen und heute auch etwas antiquiert wirk­enden Märchen­hand­lung (im Orig­inalti­tel Švan­da Dudák) kön­nte wie fol­gt laut­en: Schwan­da, eine Art Dorf-Orpheus, zieht mit einem zauberkräfti­gen Instru­ment aus, bekommt es erst mit ein­er Köni­gin, dann mit dem Teufel zu tun und kehrt am Ende gern wieder heim zu sein­er lieben­den Frau Doro­ta. Dieser Plot – obwohl ja auch Zauber­flöte und Trou­ba­dour aufge­führt wer­den – mag den Grund für die heute etwas zurück­hal­tendere Büh­nen­präsenz abgeben, die Musik sich­er nicht!
Der Kom­pon­ist hat hier zwar in allen musikalis­chen Gewässern gean­gelt, der­er er hab­haft wer­den kon­nte: Die böh­mis­che Volksmusik ist eben­so vertreten wie Anklänge an die Idiome sein­er tschechis­chen Beruf­skol­le­gen Smetana, Dvorák und Janácek, aber auch Weber, Berlioz, Wolf-Fer­rari, Humperdinck und sog­ar Richard Strauss sind jew­eils mit oft­mals mehr als nur einem Augen­zwinkern in dieser leben­sprallen und her­rlich fröh­lichen Volk­sop­er vertreten. Sog­ar einen Vor­griff auf Schostakow­itsch kann man her­aushören (oder ist es eher dessen Rück­griff auf Wein­berg­er?). Den­noch ist Wein­berg­er hier ein musikalisch ganz eigenes, orig­inelles Werk geglückt, das seine Leuchtkraft vor allem aus den zahlre­ichen rein orches­tralen Abschnit­ten und den Chören bezieht.
Die 2012 erfol­gte Neuin­sze­nierung an der Dres­d­ner Sem­per­op­er (übri­gens in tschechis­ch­er Sprache), der sich vor­liegen­der Livemitschnitt ver­dankt, war ein großer Erfolg. Wenn die Staatskapelle unter Con­stan­tin Trinks hier bisweilen etwas lär­mend (stets aber blitzsauber intonierend) zur Sache geht, dann ist das sich­er ganz im Sinne der Par­ti­tur und der ihr innewohnen­den Rustikalität!
Die Rollen sind stimm­lich fast durch­weg ide­al beset­zt, wobei sich das Wohlfühltim­bre des Titel­helden (Christoph Pohl, Bari­ton) und die juve­nile Dra­matik der Doro­ta (Mar­jorie Owens, Sopran) beson­dere Anerken­nung ver­di­enen. Der harte, bisweilen etwas spröde Mez­zoso­pran Tichi­na Vaugh­ns ist der Rolle ein­er eish­erzi­gen Köni­gin dur­chaus angemessen. Ein von Christof Bauer per­fekt eingestell­ter Säch­sis­ch­er Staat­sopern­chor entledigt sich sein­er Auf­gabe mit makel­los­er Präzi­sion.
Einen Son­der-Plus­punkt ver­di­ent sich das ungewöhn­lich aus­führliche, infor­ma­tive und zudem reich bebilderte Bei­heft zu dieser CD.
Friede­mann Kluge