Tadday, Ulrich (Hg.)

Schumann Handbuch

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 2006
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 84

Im Ver­gle­ich zur Fülle der Pub­lika­tio­nen, die zum Mozart-Jahr her­auska­men, nehmen sich die Veröf­fentlichun­gen zu Robert Schu­mann, einem anderen Jubi­lar dieses Jahres – er starb 1856 –, spär­lich aus. Neben der fabel­haften Mate­ri­al­samm­lung Robert Schu­mann in Endenich (1854–1856), her­aus­gegeben von Bern­hard R. Appel (Mainz 2006), ist lediglich eine wirk­lich wichtige Pub­lika­tion erschienen: das Schu­mann Hand­buch, das fün­fte sein­er Art nach Bach, Schu­bert, Ver­di und natür­lich Mozart.
Nun gibt es kaum einen schöpferischen Kün­stler, der sein eigenes Leben so akribisch doku­men­tiert hat wie Robert Schu­mann: ne-ben umfan­gre­ichen Tage­büch­ern, zahlre­ichen Schriften und ein­er Vielzahl von Briefen, von denen lei­der einige wichtige von der Fam­i­lie ver­nichtet wur­den, andere noch unter Ver­schluss sind, auch exakt geführte Haushalts­büch­er, die jede noch so kleine Aus­gabe wie „Waschfrau“ oder „Erd­beeren für Clara“ mit ger­adezu besessen­er Genauigkeit auflis­ten, so als wollte Schu­mann jeden Augen­blick seines Lebens fest- und damit den Lauf der Zeit aufhal­ten.
Seit die Aufze­ich­nun­gen seines Arztes aus der Heilanstalt Endenich über Schu­manns zwei let­zte Leben­s­jahre auf­taucht­en, scheint die lit­er­arische Quel­len­lage lück­en­los. Natür­lich sind auch alle Kom­po­si­tio­nen ein­schließlich der Frag­mente bekan­nt und zugänglich, die 1992 begonnene Neuaus­gabe sein­er Werke wird zudem neue Aspek­te brin­gen. Auf­gabe eines Hand­buchs ist es dem­nach, das vorhan­dene Wis­sen zu bün­deln, es in einzelne Aspek­te aufzuteilen und schließlich zu inter­pretieren.
Diesen Anspruch nun erfüllt das neue Hand­buch in reichem Maße, gestal­tet von Wis­senschaftlern aller Gen­er­a­tio­nen. So sind der Schumann’schen Ästhetik, seinem Ver­hält­nis zur Bilden­den Kun­st und seinem schrift­stel­lerischen Wirken drei hochin­ter­es­sante Kapi­tel gewid­met, die neue Denkan­sätze ver­mit­teln.
Von größter Bedeu­tung ist der bril­lant geschriebene zen­trale Auf­satz von Peter Gülke, „Robert Schu­manns jubel­nd erlit­tene Roman­tik“, der vielfältige Bezüge Schu­manns zur Lit­er­atur (ja, an erster Stelle!), zur Musik, zur Philoso­phie, zum ganzen Uni­ver­sum der Kün­ste aufdeckt und erhellt und kapitelüber­greifend viele Aspek­te eines zer­ris­se­nen Lebens neu deutet.
Den größten Teil des Ban­des nehmen naturgemäß Darstel­lung und The­o­rie der Kom­po­si­tio­nen ein, ein reich bestelltes Feld, denn der stets an Neuem inter­essierte und Neues aus­pro­bierende Schu­mann hat für prak­tisch alle Gat­tun­gen kom­poniert. Vor allem in seinen Klavier­w­erken hat er schon früh Neu­land betreten und war sein­er Zeit weit voraus. Ihnen und dem umfan­gre­ichen Lied­schaf­fen sind lesenswerte Abschnitte gewid­met. Aber auch weniger wichtige Werke wer­den lück­en­los behan­delt. Wo immer man das Buch auf­schlägt, find­et man umfassende Auskun­ft über ein gesucht­es Stück.
Beson­ders auf­schlussre­ich ist das Kapi­tel „Robert Schu­mann in frem­den Werken“. Robert und Clara Schu­mann, Brahms sowie andere Zeitgenossen wie Liszt, Chopin oder Tschaikowsky haben sich, wie es Zeit­brauch war, gegen­seit­ig zitiert. Erstaunlich aber, wie viele Kom­pon­is­ten des 20., ja sog­ar des 21. Jahrhun­derts sich Schumann’scher The­men bedi­en­ten oder sich von ihm inspiri­eren ließen. Hier wird vor allem Arib­ert Reimann mit sein­er beson­deren Affinität zu Schu­mann genan­nt.
Jedem Kapi­tel schließt sich ein Lit­er­aturverze­ich­nis an. Der als Quelle wichtige Briefwech­sel von Clara Schu­mann mit ihrem Ver­leger Här­tel, der auch Ein­las­sun­gen von Robert enthält, hätte hier hineinge­hört. Ein Anhang schließlich bietet ein voll­ständi­ges und über­sichtlich­es Werkverze­ich­nis, geord­net ein­mal chro­nol­o­gisch und anschließend nach Opuszahlen, sowie ein Namen­sreg­is­ter. Ein unent­behrlich­es Buch für alle, die sich mit Schu­mann beschäfti­gen.
Ursu­la Klein