Ševcík, Otakar

Schule der Violintechnik

op. 1, hg. von Jaroslav Foltýn, Heft 1: 1. Lage / Heft 2: 2.-7. Lage / Heft 3: Lagenwechsel / Heft 4: Übungen mit Doppelgriffen und Flageolett-Tönen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Prag 2014
erschienen in: das Orchester 10/2014 , Seite 71

Für die Pianis­ten ist es Czerny, für die Geiger Ševcík. Kaum ein Vio­lin­ist ist in sein­er Aus­bil­dung an der Schule der Vio­lin- und Bogen­tech­nik von Otakar Ševcík (1852–1934) vor­beigekom­men – bis heute gehört sie zur Stan­dard­lit­er­atur der Stre­ichertech­nik. Nun erscheinen Opus 1, 2 und 8 des tschechis­chen Vio­lin­päd­a­gogen in neuem edi­torischem Gewand bei Bären­re­it­er. Her­aus­ge­ber der Werke ist der tschechis­che Geiger Jaroslav Foltýn.
Ob und inwiefern eine Extrak­tion von Tech­nik aus Musik möglich und sin­nvoll ist, muss am Ende wohl jed­er Spie­lende selb­st beurteilen. Fakt ist, dass die erst­mals Anfang des 20. Jahrhun­derts erschienene Schule der Vio­lin­tech­nik op. 1 umfassende Übun­gen rund um die Tech­nik der linken (und teil­weise recht­en) Hand bere­i­thält. In kle­in­sten Ein­heit­en wird Ton­ma­te­r­i­al sys­tem­a­tisch auf­bere­it­et vorgelegt. Charak­ter­is­tisch ist das „Halbton­sys­tem, dessen Prinzip die Bil­dung der Halbtöne auf allen Sait­en mit densel­ben Fin­gern ist“. Im Zen­trum der Übun­gen ste­ht die „hap­tis­che Ori­en­tierung“, die „Vorteile für die Koor­di­na­tion der Bewe­gung, der Into­na­tion und des Klanges“ mit sich bringe, wie es im Vor­wort heißt.
Heft 1 behan­delt die erste Lage: Die Übun­gen fordern anfänglich ein mit­tleres Spiel­niveau, d.h. die Ken­nt­nis sämtlich­er Grif­farten wird voraus­ge­set­zt. Im Ganzen geht es um Fin­gergeläu­figkeit, Skalen, Chro­matik, Terzen­ton­leit­ern, Oktaven, Nonen, Dreik­länge, Dop­pel­griff-Übun­gen, Arpeg­gien, Akko­rdübun­gen u.a. Erst in Heft 2 kom­men andere Lagen vor: Hier ste­ht das Spie­len in den Lagen zwei bis sieben im Mit­telpunkt, das nach den gle­ichen Prinzip­i­en wie in Heft 1 erfol­gt. Um Lagen­wech­sel geht es in Heft 3. Diese erfol­gen dort in sämtlichen Lagen und unter Ein­bezug aller Sait­en. The­men des Hefts 4 sind Dop­pel­griffe und Fla­geo­lett-Töne. Sie weisen auf ein sehr fort­geschrittenes Niveau hin. Die Übun­gen richt­en sich daher nicht nur an Schüler, son­dern auch (und vor allem) an Profis, die die Fin­ger der linken Hand „putzen“, d.h. die Griff­stel­lung fes­ti­gen und trainieren möcht­en.
Foltýn hat sich nicht gescheut, einige neue Fin­ger­sätze einzubrin­gen, die den Flesch-/Galami­an-geprägten Spiel- und Greifge­wohn­heit­en viel­er Geiger sehr ent­ge­genkom­men dürften. Bei eini­gen Ton­leit­ern und Dreik­län­gen wird so z.B. das Spiel mit Lagen­wech­sel (2. Lage) vorgeschla­gen, statt den vierten Fin­ger zu über­streck­en. Für das Greifen ver­min­dert­er Sep­takko­rde schlägt Foltýn auch ein­mal die halbe Lage vor. Die Alter­na­tivfin­ger­sätze ste­hen unter den Noten – die Orig­i­nale sind weit­er­hin über den Noten abge­druckt.
Neben all­ge­meinen Infor­ma­tio­nen zur Biografie und Werk­in­ten­tion ist im Vor­wort zu jedem Heft ein method­is­ch­er Kom­men­tar abge­druckt, in dem hil­fre­iche Übungsan­leitun­gen geschildert wer­den. Sie rekur­ri­eren u.a. auf die Hand­schriften von Vik­tor Nopp, einem Assis­ten­ten Ševcíks. Die Aus­führun­gen verdeut­lichen ein­mal mehr, dass in dieser Meth­ode von der Bewe­gung her, nicht von der musikalis­chen Idee gedacht wird.
Die Aus­gabe erscheint in einem schö­nen For­mat, das dem aktuellen sowie his­torischen Wert dieser Meth­ode eine angemessene Würdi­gung ver­lei­ht.
Katha­ri­na Bradler