Händel, Georg Friedrich

Samson

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Carus 83.425, 3 SACDs
erschienen in: das Orchester 09/2009 , Seite 69

Die Bibel berichtet die Geschichte des israelitis­chen Helden Sam­son, der, von sein­er Geliebten Dalila ver­rat­en, sein­er Haare und damit sein­er Kraft beraubt und geblendet, schließlich seine Zuver­sicht und Stärke wiederfind­et, die Säulen des hei­d­nis­chen Tem­pels zum Ein­sturz bringt und sich und die feindlichen Philis­ter unter den Trüm­mern begräbt. Hän­del kom­ponierte sein Ora­to­ri­um unmit­tel­bar nach der Vol­len­dung des “Mes­sias” in den Jahren 1741/42. Für zahlre­iche Wieder­auf­führun­gen nahm Hän­del mehrfach Änderun­gen vor – manch­es wurde gekürzt, aus­ge­tauscht und hinzuge­fügt. Vor allem die Rolle des Dieners Mic­ah erhielt größeres Gewicht. So begrün­dete der Kom­pon­ist selb­st eine Auf­führungstra­di­tion, die eine „authen­tis­che“ Fas­sung des Werks auss­chließt. Das Vor­wort ein­er Par­ti­tu­raus­gabe von 1894 ver­merkt: „Eine voll­ständi­ge Auf­führung des Sam­son […] ist über­haupt wohl nie erfol­gt…“, und noch heute ist eine Auswahl unver­mei­dlich.
Die vor­liegende Neupro­duk­tion trägt den Bedin­gun­gen ein­er konz­er­tan­ten Auf­führung Rech­nung, wobei mehr Arien berück­sichtigt wur­den als in ver­gle­ich­baren Pro­duk­tio­nen. Sophie Dane­man übern­immt neben der Par­tie der Dalila auch die Rollen der Philis­terin und der Israelitin, was zumin­d­est in einem Fall durch Hän­dels eigene Prax­is belegt ist. Ihre Darstel­lung der ver­führerisch affek­tierten Dalila ist wun­der­bar lebendig, in den Neben­rollen ver­mag sie jedoch weniger zu überzeu­gen. Der Tenor Thomas Coo­ley verkör­pert den zunächst verzweifel­ten, dann nach drama­tis­chen Auseinan­der­set­zun­gen seine Kraft wiederfind­en­den Titel­helden angemessen. Her­aus­ra­gend ist Franziska Gottwald als Mic­ah. Ihre Rolle ver­langt eine erhe­bliche Band­bre­ite unter­schiedlich­er Affek­te, die sie in ide­al­er Weise zum Leben erweckt. William Berg­er wirkt in der Rolle des Manoah, des alten Vaters Sam­sons, eine Spur zu jugendlich.Wolf Matthias Friedrich gibt dem Philis­ter Hara­pha die polternde Ein­falt, die er braucht. Michael Slat­ter­ly hat die weniger dankbaren Rollen eines Philis­ters und eines Israeliten über­nom­men. Die für einen Tenor tiefe Lage lässt ihn zwangsläu­fig im Schat­ten des Titel­helden agieren.
Das Orch­ester erweist sich als homo­gen­er Klangkör­p­er, der auch unter Konz­ertbe­din­gun­gen mit his­torischen Instru­menten hohe Per­fek­tion erre­icht. Der NDR Chor stellt seine stilis­tis­che Kom­pe­tenz unter Beweis. Die Charak­tere der Per­so­n­en und Grup­pen besitzen sug­ges­tive Deut­lichkeit. Verzierun­gen, Kaden­zen und Vorhalte wer­den durch­weg mit großer Sorgfalt und Natür­lichkeit geformt. Die Stu­dio­pro­duk­tio­nen von Karl Richter und Ray­mond Lep­pard bieten mehr aus dem Fun­dus der über­liefer­ten Arien. Unter der Leitung von Nicholas McGe­gan wird das Werk zu einem Dra­ma von großer Ein­dringlichkeit.
Jür­gen Hinz