Tüür, Erkki-Sven

Saltatio Borealis

für Klarinette und Klavier (2012)

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henry Litolff's Verlag/C. F. Peters, Frankfurt am Main 2012
erschienen in: das Orchester 02/2013 , Seite 65

Im Werkkat­a­log des est­nis­chen Kom­pon­is­ten Erk­ki-Sven Tüür sind Holzblasin­stru­mente noch nicht allzu häu­fig mit Kam­mer­musik bedacht wor­den. In sein­er frühen Schaf­fen­sphase hat der 1959 auf der Insel Hiiu­maa geborene Kom­pon­ist diese in der Archi­tec­ton­ics betitel­ten Werkrei­he im Ensem­ble inte­gri­ert. Die Entste­hung eines Werks für Klar­inette und Klavier ist dem Auf­trag zu ver­danken, für den Bläser­wet­tbe­werb Est­lands 2012 eine Wet­tbe­werb­skom­po­si­tion zu schreiben.
Mit Salta­tio Bore­alis (Nordis­ch­er Tanz) ist ein äußerst inter­es­santes und klar­inet­ten-spez­i­fis­ches Werk ent­standen, in dem Tüür die klang­typ­is­chen Beson­der­heit­en – die Gegenüber­stel­lung der tiefen und hohen Reg­is­ter – als wesentlich­es Ele­ment der Kom­po­si­tion nutzt. Tüürs Ton­sprache ist konzen­tri­ert und von dif­feren­ziert­er Klan­glichkeit. So begin­nt er in der Klar­inette mit einem lang gehal­te­nen c’ im dreifachen Forte, das in einen sich beschle­u­ni­gen­den und wieder ver­langsamenden Viertel­ton­triller im Piano überge­ht. Unter­legt wird dies mit einem ped­al­isierten Klavierk­lang, der sich aus ein­er vom c’ bis zum Kontra‑C abstürzen­den Basslin­ie ergibt. Die tiefe Klanglage wird beibehal­ten, die Klar­inette umspielt in dichter Folge den Achsen­ton c. Einzelne, im Klavierko­r­pus gezupfte Töne in tief­ster Lage erweit­ern den Ton­raum in die Tiefe. Nach 20 Tak­ten wird der Raum in den Diskant erweit­ert, und nun set­zt ein vielfältiges Wech­sel­spiel der Ton­la­gen ein, in dem frei gestalt­bare Mul­ti­phon­ics und Glis­san­di in der Klar­inette weit­ere Far­ben ins Spiel brin­gen. Die rhyth­mis­chen Abläufe zeigen ein vere­in­heitlichen­des Ele­ment, das durch die Zahlen­rei­he 8 (32tel), 6 (Sex­tole), 5 (Quin­tole), 4 (16tel), 3 (Trio­le) und deren Vari­anten gegeben ist.
Kon­trastre­ich ist die Satztech­nik: Lin­eare Ver­läufe wer­den von ruhigeren akko­rdis­chen Par­tien unter­brochen, in denen eine Vor­liebe für Quar­te­nakko­rde und zarte Tönun­gen zu bemerken ist. Nach 110 Tak­ten nimmt die Musik an Bewe­gung zu und ein gle­ich­mäßigeres Pulsieren bes­timmt den Klavier­part. Durch Arpeg­gien und weite Sprünge fol­gen Reg­is­ter­wech­sel dichter aufeinan­der; als Zielpunk­te dienen Spitzen­töne in der höch­sten Lage mit Mikroin­t­er­vall-Trillern. Im let­zten Drit­tel kommt es zu einem eksta­tis­chen Höhep­unkt, dem nach einem dreima­li­gen Anlauf ein let­zter Auf­stieg zum a”” fol­gt, dem die rhyth­misiert gezupfte Sub­kon­tra-C-Klavier­saite ent­ge­genge­set­zt wird. Schließlich taucht die Klar­inette in den ped­al­isierten Klang mit einem let­zten verklin­gen­den Mikroin­t­er­vall-Triller in der tiefen Lage ein.
Der acht­minütige Salta­tio Bore­alis ist eine sehr wirkungsvolle Kom­po­si­tion, die auch Hör­ern zugänglich ist, die nicht zum Pub­likum von Fes­ti­vals Neuer Musik gehören. Die Inter­pre­ten soll­ten über einige Erfahrung mit neuen Spiel­tech­niken ver­fü­gen, müssen aber nicht expliz­it Spezial­is­ten für Neue Musik sein, da sich die Anforderun­gen in dieser Hin­sicht im Klar­inet­ten­part auf wenige (sich wieder­holende) Stellen beschränken. Lei­der erschw­ert der zu enge Druck des Klavier­parts dem Pianis­ten das schnelle Lesen der mit zahlre­ichen Akzi­den­tien verse­henen Akko­rdge­bilde.
Herib­ert Haase