Vasks, Peteris

Sala / Musica Appassionata / Credo

Anhaltische Philharmonie Dessau, Ltg. Antony Hermus

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 7323 2
erschienen in: das Orchester 12/2015 , Seite 82

Das Sym­phonieorch­ester der let­tis­chen Hafen­stadt Liepa­ja, an der West­küste Kur­lands auf schmaler Nehrung zwis­chen Ost­see und Libau-See gele­gen, ist das einzige außer­halb der Haupt­stadt Riga existierende Beruf­sor­ch­ester Let­t­lands. Von dem Diri­gen­ten Imants Res­nis in den Jahren 1992 bis 2009 zum Botschafter neuer let­tis­ch­er Musik entwick­elt, erfreut es sich mit­tler­weile staatlich­er Unter­stützung. 2010 trat Atvars Lak­sti­gala, der unter anderem in Berlin Horn und Dirigieren studierte, die kün­st­lerische Nach­folge an. Wie die Auf­nahme der drei Orch­ester­w­erke des Let­ten Peteris Vasks bezeugt, darf sich das Orch­ester zu den tonangeben­den Klangkör­pern des Ost­seer­aums zählen.
1946 in Kur­land geboren, beken­nt sich Vasks aus­drück­lich als let­tis­ch­er Kom­pon­ist. Als Beweg­grund seines Schaf­fens nen­nt er den Lei­densweg seines Volkes durch Jahrhun­derte der Fremd­herrschaft. Darüber hin­aus bedrück­en ihn Gewalt und men­schlich­es Leid in aller Welt. Ästhetis­che Plan­spiele sind darum seine Sache nicht. Musik ist ihm Sprache der Seele. Vasks ist ein Predi­ger in Tönen. Er ruft die dun­klen, zer­störerischen Kräfte auf, um sie zu ban­nen und trös­tende Him­mel­sze­ichen zu set­zen.
Immer wieder kom­men seine Stücke aus der Stille, um nach zwis­chen­zeitlichen Tur­bu­len­zen in die san­ften Sphären des Anfangs heimzukehren. So auch in der sin­fonis­chen Elegie Sala (Insel), 2006 im Auf­trag des „Mag­num Opus Project“ dreier kali­for­nisch­er Orch­ester ent­standen. Vor dem Hin­ter­grund leise flir­ren­der Vio­li­nen-Tremoli stimmt das Englis­chhorn eine lang gezo­gene, bukolis­che Weise an. Klar­inette, Flöte und Horn antworten ihr nacheinan­der, bevor sich einzelne Melodiezeilen in durch­broch­en­em Satz ablösen und einan­der über­lagern. Später set­zt sich bei fortwähren­den Tem­poschwankun­gen Chro­matik durch, die sich in mehreren Steigerungswellen zu ein­er drama­tis­chen Peripetie aufwölbt und jäh­lings abbricht. Nach ein­er Gen­er­al­pause kehrt die Musik des Anfangs leicht gewan­delt wieder.
Musi­ca appas­sion­a­ta für Stre­i­chorch­ester begin­nt ungewöhn­lich laut und entsch­ieden, als wollte Vasks sagen: „Bühne frei für meine Pas­sion!“ Nach der aufgewühlten „Ein­gangsszene“ bre­it­et sich eine Ruhe­zone aus, bevor die Musik einen bedrohlichen Charak­ter annimmt. Wie nach ein­er müh­samen Bergbestei­gung öffnet sich nach ein­er Gen­er­al­pause eine begeis­ternde Land­schaft. Der Rest ist Einkehr, stilles Gebet.
Cre­do (2009) war ein Auf­trag des Phil­har­monis­chen Orch­esters Bre­men. Das „innere Pro­gramm“ des mehrteili­gen Stücks in einem Satz und die ihm entsprin­gende Ver­laufs­form ähneln vie­len sein­er Werke. Die zen­trale Episode teilt sich in zwei Abschnitte: ein inniges Gebet und eine Steigerungswelle, die in einen hym­nis­chen Lobge­sang mün­det, bevor die Tongestal­ten des Anfangs rück­läu­fig wiederkehren. Mit einem lichtvollen Gesang klingt das Glaubens­beken­nt­nis aus.
Zu den 2014 im Haus der Let­tis­chen Gesellschaft in Liepa­ja ent­stande­nen Auf­nah­men kann man Vasks nur grat­ulieren. Es scheint, als habe der Genius Loci dabei mit­gewirkt. Wer Kur­land ken­nt, glaubt den Geist der his­torischen Land­schaft aus sein­er Musik her­auszuhören.
Lutz Lesle