Henze, Hans Werner

Sämtliche Violinkonzerte

Rubrik: CDs
Verlag/Label: MDG 6011242-2
erschienen in: das Orchester 12/2005 , Seite 75

Hans Wern­er Hen­zes Aus­nahmestel­lung unter den deutschen Kom­pon­is­ten der zweit­en Hälfte des 20. Jahrhun­derts man­i­festiert sich nicht nur in sein­er fast durchgängi­gen Beschäf­ti­gung mit der Gat­tung der Sin­fonie, die in ein­er lange von der „Darm­städter Schule“ geprägten Musik­land­schaft obso­let gewor­den zu sein schien, Hen­zes Inter­esse am Konz­ert, beson­ders dem Vio­linkonz­ert, umfasst zudem weite Streck­en seines Kom­pon­is­ten­lebens. Die drei Vio­linkonz­erte des Kom­pon­is­ten, 1948, 1971 und 1997 ent­standen, markieren Eck­punk­te seines Schaf­fens, von denen sich dur­chaus Rückschlüsse auf die Gesamtheit seines Werkes ergeben. Dabei ist in allen Konz­erten, wen­ngle­ich aus dur­chaus unter­schiedlichen Gesicht­spunk­ten, immer eine Auseinan­der­set­zung mit der Gat­tung und ihren Tra­di­tio­nen mitkom­poniert.
Das erste Konz­ert, noch zu Stu­dien­zeit­en bei Wolf­gang Fort­ner ent­standen, zeigt einen jun­gen, hochbe­gabten Kom­pon­is­ten auf der Suche. Das vier­sätzige Werk wird zwar von ein­er Zwölfton­rei­he ein­geleit­et, ist aber, wie Hen­ze später unter­strich, noch nicht von der Zwölfton­tech­nik geprägt, mit der der Kom­pon­ist zu diesem Zeit­punkt noch gar nicht ver­traut war. Bei allem Suchend-Schweifend­en, auch Unge­formten – was diese Kom­po­si­tion noch prägt, der Gestal­tungswille, aber auch das Ver­mö­gen, für die Vio­line zu schreiben, ist den­noch immer spür­bar.
Ist das erste Konz­ert noch ein präg­nantes Beispiel des Früh­w­erks, so nimmt das zweite Konz­ert von 1971 eine ganz andere Stel­lung im Gesamtwerk ein. Hen­zes poli­tis­che Erfahrun­gen eben­so wie seine The­at­er­ar­beit­en prä­gen das Konz­ert für Solovi­o­line, Ton­ban­dein­spielun­gen, Bass-Bari­ton und 33 Instru­men­tal­is­ten nach­haltig. Die Ein­beziehung des vom Sänger vor­ge­tra­ge­nen Gedichts Hom­mage a Gödel von Hans Mag­nus Enzens­berg­er ist dur­chaus struk­tur­prä­gend für das Werk, das eine stark the­atralis­che Kom­po­nente hat, die beim Hören der exzel­len­ten CD-Ein­spielung von Torsten Jan­icke nur bed­ingt nachvol­l­zo­gen wer­den kann. Das Fehlen des optis­chen, in der Par­ti­tur indes genau angegebe­nen Ele­ments bei ein­er CD-Pro­duk­tion kann den­noch ver­schmerzt wer­den, ist die Kom­pe­tenz, mit der der Solist sowie die Magde­bur­gis­che Phil­har­monie unter Leitung ihres dama­li­gen (die Auf­nahme der Dop­pel-CD ent­stand im Jahr 2003) Chefdiri­gen­ten Chris­t­ian Ehwald und des schmiegsamen Bassis­ten Ulf Dirk Mädler doch sehr überzeu­gend. Der iro­nisch gebroch­ene Ton des Werks kommt auch in der Inter­pre­ta­tion von Jan­icke und Ehwald zum Tra­gen.
Noch höhere Anforderun­gen an die Vir­tu­osität des Geigers wer­den im drit­ten Konz­ert nach Thomas Manns Roman Dr. Faus­tus gestellt. Die drei Sätze „Esmer­al­da“, „Das Kind Echo“ und „Rudi S.“ sind nicht nur vielschichtige Porträts der berühmten Roman­fig­uren. Das Werk ist auch in der Gegen­sät­zlichkeit der Sätze ohne die genaue Ken­nt­nis des Romans rezip­ier­bar. Hen­ze hat die vir­tu­osen Anforderun­gen an den Solis­ten bei ein­er Über­ar­beitung der Par­ti­tur zudem noch ver­stärkt. Torsten Jan­icke, der in Dres­den geboren und aus­ge­bildet wurde und heute Erster Konz­ert­meis­ter des Gürzenich-Orch­esters Köln ist, ver­fügt über einen schlanken, sehr sicheren Ton, der auch bei heiklen Pas­sagen nie zur Unschärfe tendiert. Sein Ton wirkt zwar nicht so groß oder gar aufge­plus­tert, wie man dies von Vir­tu­osen amerikanis­ch­er Prä­gung heute gewohnt ist. Die Über­legen­heit des Musizierens und das Engage­ment, mit dem er sich für die Musik Hen­zes ein­set­zt, nimmt indes sehr für seine Spiel­weise ein. Dies gilt auch für das Magde­burg­er Orch­ester, das sich hier als dur­chaus kom­pe­tent auf dem Gebi­et der neuen Musik zeigt. Wie die auch klan­glich ansprechend ger­atene Auf­nahme unter­stre­icht, müssen es nicht immer die Spezialensem­bles für Musik des 20. Jahrhun­derts sein, die mit diesem Reper­toire auf sich aufmerk­sam machen kön­nen.
Wal­ter Schneckenburger