Tscherepnin, Alexander / Alexander Borodin

Russische Meisterwerke

Symphonie Nr. 4 / Symphonie Nr. 2 und 3

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Colosseum COL 9031.2
erschienen in: das Orchester 11/2004 , Seite 85

Während Borodin sich im deutschen Konzertleben immer­hin mit den Step­pen­skizzen aus Mit­te­lasien und den Polowet­zer Tänzen aus sein­er Oper Fürst Igor hin­länglich­er Präsenz erfreuen darf (auch seine Stre­ichquar­tette in A‑Dur und D‑Dur hört man gele­gentlich), evoziert der Name Tscherep­nin auch bei regelmäßi­gen Konz­ertbe­such­ern eher ein Achselzuck­en und führt selb­st in ein­schlägi­gen Konz­ert­führern gün­stig­sten­falls ein höchst unver­di­entes Fußnotendasein.
Die vor­liegende CD stellt ein Remake von Schallplat­te­nauf­nah­men aus den Jahren 1972 und 1973 dar. Enthu­si­astisch feiert der Book­let-Autor Eck­hardt van den Hoogen Tscherep­nins vierte Sym­phonie als „eine der besten Sym­phonien aus der zweit­en Hälfte des 20. Jahrhun­derts“ (was nicht ganz schwierig ist, denn so viel an über­ra­gen­der Sym­phonik hat der genan­nte Zeitraum nun wahrlich nicht her­vorge­bracht!). Aber van den Hoogen hat natür­lich Recht: Die Sym­phonie legt ein beredtes Zeug­nis von hoher Kom­ponierkun­st ab, inner­halb der­er auch das Genialis­che in sein­er typ­isch rus­sis­chen Fär­bung nicht zu kurz kommt. Um die neu­ro­man­tis­che Klang­welt von Tscherep­nins E‑Dur-Sym­phonie mit ihrer immer wieder vorteil­haft aus dem Folk­loris­tis­chen schöpfend­en Melodik ver­bal vorstell­bar zu machen, kön­nte der erste, fast bal­lettmusikar­tige Satz eine Hom­mage an Straw­in­sky sein (Le Sacre du Print­emps grüßt von ferne), der zweite eine an Schostakow­itsch und der dritte eine an Tschaikowsky – ohne einen von ihnen ein­fach nur abzukupfern: Alles ist rein­ster Tscherepnin!
Buch­stäblich einger­ahmt wird dessen vierte Sym­phonie von den Sym­phonien 3 und 2 seines rus­sis­chen Lands­man­ns Alexan­der Borodin, und obwohl die Num­mer 3 in ihrer unvol­len­det gebliebe­nen Gestalt nicht zu den ganz großen Schöp­fun­gen dieser Spezies zählt, mag man ihr doch mit einigem Genuss lauschen. Her­rlich vor allem der „Mod­er­a­to assai“ über­schriebene erste Satz, dessen zauber­haft-zärtliche Ein­leitung in manchem an die ersten Tak­te von Mus­sorgskys Boris Godunov erinnert!
Die am Ende dieser CD einge­spielte h‑Moll-Sym­phonie Borodins zählt zu den sym­phonis­chen „Hits“ mit hohem Wieder­erken­nungswert ins­beson­dere des ersten Satzes. Borodin schöpfte hier aus dem Vollen der rus­sis­chen National­musik mit ihrer spez­i­fis­chen Har­monik und ihrer mal wilden, dann wieder drama­tisch-monot­o­nen Rhyth­mik. Eine Sym­phonie zum Berauschen!
Die Nürn­berg­er Sym­phoniker intonieren unter dem wech­sel­nden Diri­gat von Gün­ter Nei­dlinger und Räto Tschupp so rus­sisch, wie ein deutsches Orch­ester es nur eben ver­mag. Eine beein­druck­ende Neuau­flage, die hof­fentlich einen Auf­takt bildet, mit der disko­grafis­chen Erschließung ins­beson­dere des Tscherepnin’schen Œuvres fortzufahren.
Friede­mann Kluge