Werke von Alessandro Marcello, Johann Sebastian Bach, Juri Vallentin, Antonio Vivaldi u. a.
Rush
Juri Vallentin und Sergio Sanchez (Oboe), ensemble reflektor, Ltg. Joosten Ellée
Noch eine CD mit barocken Oboenkonzerten? Als Konzertprofi weiß Juri Vallentin, wie rasch nach mehrmaligem Schnell-Langsam-Schnell Ermüdung bei den Zuhörer:innen und vielleicht auch den Ausführenden einsetzen kann. Dem wirkt der Oboist auf dieser Berlin-Classics-CD mit einem sehr intelligent zusammengestellten Programm entgegen, das wunderbar gegen den Strich gebürstete musikalische „Störstellen“ (Vallentin nennt sie im tollen Begleitheft „Breaks“) enthält: ein vom Solisten komponiertes kurzes Solostück und zwei aktuelle Popsongs von Billie Eilish und Sam Smith, die Juri Vallentin kongenial auf die Besetzung mit Oboe und Kammerorchester projiziert hat.
Diese drei relativ kurzen Ausflüge in die zeitgenössische Musik – mal überzeugend modern, dann tiefgründig-nachdenklich oder kantig-motorisch – darf man sich in ihrer Wirkung auf das Gesamtprogramm der CD in etwa so vorstellen wie die Funktion von Fremdatomen als Dotierungen in Halbleitern; die musikalischen Fremdkörper beschleunigen hier den Fluss eines Programms, das auch schon in den barocken Beiträgen sehr viel Drive entwickelt. So fangen Juri Vallentin und das messerscharf musizierende ensemble reflektor den unmittelbaren Schwung von Giovanni Benedetto Plattis g-Moll-Konzert perfekt ein. Eine bessere Visitenkarte der Zusammenarbeit zwischen Solist und Orchester könnte man gar nicht abgeben. Konzertmeister Joosten Ellée und sein gutes Dutzend Ensemblemitglieder bieten einem schlank, sehr präsent und ausdrucksstark gestaltenden Juri Vallentin eine brillant ausgeleuchtete Konzertbühne, die mindestens so farbig daherkommt wie das kontrastreiche CD-Cover.
Neben einem fein ausbalanciert dargestellten und glasklar artikulierten Doppelkonzert von Antonio Vivaldi, bei dem der Oboist Sergio Sanchez an der Seite von Juri Vallentin zu hören ist, lassen insbesondere die beiden weiteren Werke aufhorchen: zwei wunderbar filigran interpretierte Sätze aus einer Sonate von Elisabeth Jacquet de la Guerre und das deutlich bekanntere Oboenkonzert in d-Moll von Alessandro Marcello, das Johann Sebastian Bach für Tasteninstrument eingerichtet hat und das Juri Vallentin, sozusagen mit dem Bach’schen Input versehen, wieder für die Originalbesetzung zurückübertragen hat. Die Bearbeitung einer Bearbeitung profitiert nicht nur von dieser Transformation, sie darf in der tiefenscharfen Darstellung durch Juri Vallentin und das ensemble reflektor so richtig strahlen und singen – klanglich wie interpretatorisch auf der Höhe dessen, was Barockmusik heute ausmacht.
Daniel Knödler


