Reger, Max

Romances op. 50/Violin Concerto op. 101/Aria op. 103 a no. 3

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Telos Music
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 80

Im Laufe seines Lebens wan­delte sich die pos­i­tive Ein­stel­lung von Max Reger zu seinem einzi­gen Vio­linkonz­ert grundle­gend. Schrieb er 1907 noch: „ich habe das Gefühl, dass ich mit diesem Vio­linkonz­ert die Rei­he der 2 Konz­erte Beethoven-Brahms – um eines ver­mehrt habe! Außer Beethoven und Brahms haben wir doch kein Vio­linkonz­ert bis jet­zt!“, so wurde die Ein­stel­lung gegenüber dem von dem Geiger (und Kom­pon­is­ten) Hen­ri Marteau 1908 in Leipzig uraufge­führten Werk später zunehmend kri­tis­ch­er. Wobei nicht die groß­for­matig-sym­phonis­che Anlage des Werks, die Solist und Orch­ester vor hohe Anforderun­gen stellt, son­dern vor allem die Instru­men­ta­tion von Reger als prob­lema­tisch gese­hen wurde. Dabei reagierte der Kom­pon­ist, dessen mehr als dis­tanzierte Hal­tung zur pro­fes­sionellen Kri­tik bestens doku­men­tiert ist, nicht auf die teil­weise sehr polemis­chen Belei­di­gun­gen, die sich in vie­len Rezen­sio­nen des Konz­erts nieder­schlu­gen, son­dern auf seine eigene Erfahrung als Diri­gent des Werks. Auch gegenüber Adolf Busch, der zum Lieblings­geiger Regers wurde, äußerte der Kom­pon­ist sich sehr dis­tanziert ob der man­gel­nden Trans­parenz der Vio­linkonz­ert­par­ti­tur.
Der frühe Tod Regers 1916 ver­hin­derte eine mögliche Revi­sion des Orch­ester­parts. 1938, kurz vor sein­er Emi­gra­tion nach Nor­dameri­ka, been­dete Adolf Busch seine die Inten­tio­nen Regers aufnehmenden Fas­sung des Konz­erts, die nach den Worten des Bear­beit­ers ein­er grundle­gende Neugestal­tung der Instru­men­ta­tion der Orch­ester­stim­men bedurfte. Der 1942 uraufge­führten Busch-Fas­sung des A‑Dur-Konz­erts in New York, von der ein Mitschnitt existieren soll, war indes kein Erfolg beschieden.
Kol­ja Less­ing, als Geiger und pro­fes­sioneller Pianist eine erstaunliche Dop­pel­be­gabung, hat sich nun gemein­sam mit dem Diri­gen­ten Christoph-Math­ias Mueller und dem zuver­läs­si­gen Göt­tinger Sym­phonieorch­ester der Busch-Fas­sung in der ersten Stu­dioein­spielung angenom­men. Less­ing, dessen Ein­satz für weniger im Mit­telpunkt des Pub­likum­sin­ter­ess­es ste­hende Werke ihn zu einem anerkan­nten Inter­pre­ten von Kom­po­si­tio­nen von Johann Paul von West­hoff bis hin zu Philipp Jar­nach, Berthold Gold­schmidt oder Wladimir Vogel macht, zeigt sich als ein Geiger mit klarem, kristallinem, dur­chaus wan­del­barem Ton, der sich den immensen, Vir­tu­osität nicht in den Vorder­grund rück­enden Anforderun­gen mit Aplomb und Wage­mut stellt. An der Struk­tur des Werks ori­en­tiert, die musikalis­chen Lin­ien dif­feren­ziert nachze­ich­nend, kön­nte nur gele­gentlich ein Mehr an Klang­far­ben das gute Ergeb­nis zu einem außergewöhn­lichen machen.
Mueller und die bisweilen an ihre Gren­zen kom­menden Göt­tinger sind Less­ing bei dem Ver­such, die gewalti­gen Klangge­birge aufzulicht­en, die auch in der Busch-Fas­sung noch beachtlich sind, engagierte Part­ner. Von der lyrischen Seite der Musik Regers zeu­gen die bei­den Romanzen für Vio­line und Orch­ester sowie die hier erst­mals in der Orch­ester­fas­sung Regers einge­spielte Aria op. 103 a Nr. 3 (ursprünglich für Vio­line und Klavier). Auch hier zeigt sich Less­ing, von dem auch der infor­ma­tive Book­let-Text stammt, als ein stets kon­trol­liert-ein­fühlsamer Sach­wal­ter des Kom­pon­is­ten.
Wal­ter Sch­neck­en­burg­er