Bohuslav Martinů

Romance für Violine und Klavier, H 186bis

Urtext, hg. von Natálie Krátká

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel
erschienen in: das Orchester 4/2026 , Seite 73

Martinůs Romanze wurde von der Musikwissenschaftlerin Natálie Krátká in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem im Nachlass des Fotografen Boris Lipnitzki entdeckt. Lipnitzki war, wie Natálie Krátká im informativen Vorwort schreibt, ein erfolgreicher Fotograf aus Odessa, der Anfang der 1920er-Jahre ein Studio in Paris eröffnete und zu dessen Kunden Künstler, Literaten und Musiker zählten – darunter neben Martinů auch Ravel, Camus, Cocteau, Strawinski oder Chagall. Ursprünglich wollte er Musiker werden, spielte Violine und komponierte. Ihm widmete Martinů die neu entdeckte Romanze und überließ ihm auch das Autograf. Da es neben dem Nachlass des Fotografen keine anderen Hinweise auf das Werk gibt, wurde es bislang nicht in das Martinů-Werkverzeichnis von Harry Halbreich aufgenommen.
Martinů spiegelt in seiner Komposition die Tradition der französischen Romanze. Sie hat eine gesangliche Melodie, die mit ihren Terz- und Quartintervallen natürlich wirkt. Wie sich die Melodie mit ihren Arabesken in höchste Höhe erhebt und dann wieder im Pianissimo zusammensinkt, wie sie dann erneut mit Läufen über mehrere Oktaven wieder in die Höhe strebt, um dann wieder hinabzusinken, wirkt wie ein sich ständig wiederholender Naturvorgang und begründet im Wesentlichen die außerordentliche Schönheit dieser Komposition. Das Klavier schafft dazu in kristalliner Klarheit einen statisch wirkenden Klangraum. Dieses musikalische Kleinod ist bestens geeignet für Zugaben und Kammerkonzerte. So kurz es ist, es stellt sowohl an den Geigen- als auch den Klavierpart große Ansprüche. Auf der Violine sind hohes Lagenspiel, ein makelloses Legato und Läufe über mehrere Oktaven gefordert. Damit das Stück romanzenhaft wirkt, müssen die technischen Schwierigkeiten mit größter Leichtigkeit und Natürlichkeit bewältigt werden.
Mit seiner Urtext-Ausgabe gibt der Bärenreiter-Verlag Musiker:innen solides Notenmaterial in die Hand. Natálie Krátká erteilt in ihrem „Critical Report“ Auskunft über die Quelle, hält sich streng an das Autograf des Komponisten und informiert über notwendige Ergänzungen und Angleichungen im Notentext. Bindebögen, Akzente und dynamische Zeichen spiegeln also ganz den Willen des Komponisten wider. Dabei verdeutlichen die vielen dynamischen Zeichen, insbesondere die manchmal klein-, manchmal großflächigen Crescendi, wie wichtig Martinů eine differenzierte Gestaltung der Lautstärke in seiner Romanze ist. Die spieltechnische Einrichtung und das Finden der optimalen Fingersätze bleiben, wie zumeist in einer Urtext-Ausgabe üblich, den Spieler:innen überlassen.
Martinůs Romanze ist eine wunderbare Bereicherung des Repertoires für Konzert, Kammermusik und Unterricht.
Franzpeter Messmer

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