Payk, Theo R.

Robert Schumann

Lebenslust und Leidenszeit

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bouvier, Bonn 2006
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 80

So beredt der Musikschrift­steller Schu­mann war, so lap­i­dar kon­nte er als wüten­der Kri­tik­er sein. Gegen Ende sein­er Gesam­melten Schriften find­et sich ein „The­ater­büch­lein“ mit knap­pen Bemerkun­gen über Opern und Oper­nauf­führun­gen. Für Meyer­beers Prophet war Schu­mann schon ein Wort zu viel. So beließ er es bei einem Zeichen: +.
Mehr hat auch Theo R. Payks neue Schu­mann-Biografie nicht ver­di­ent. Nur damit Leserin­nen und Leser hin­ter solchem Urteil nicht Hass und Häme ver­muten, seien wenig­stens einige Gründe genan­nt. Das Buch, das gle­ich mit einem Gram­matik­fehler startet (und auch son­st nicht gut lek­to­ri­ert ist), bringt zwar viele inter­es­sante Zitate. Ja, bei der Diskus­sion von Schu­manns let­zter Krankheit zeigt es zumin­d­est einen Anflug der Kom­pe­tenz, die man son­st in doku­men­tarisch­er, musikalis­ch­er, ästhetis­ch­er und schrift­stel­lerisch­er – sprich: in jed­er – Hin­sicht ver­misst.
Als Biografie des kreativ­en Kün­stlers Schu­mann scheit­ert es von der ersten bis zur let­zten Seite. Die Menge an Falschem, Schiefem, Unaus­ge­goren­em ist deprim­ierend. Spätestens nach der Lek­türe von Seite 8 – „Sein let­ztes Opus, das Requiem für Soli, Chor und Orch­ester (op. 148) wurde 1852 fer­tiggestellt, die noch fol­gen­den Kom­po­si­tio­nen blieben män­gel­be­haftete Frag­mente.“ –, aller­spätestens aber, wenn Payk auf Seite 112 von Schu­manns „Oper Man­fred“ spricht (mit der er die Schaus­piel­musik meint!), wurde die Lek­türe für den Rezensen­ten zu genau der „Lei­den­szeit“, die der Titel ver­heißt. Die eben­falls dort angekündigte Schumann’sche „Lebenslust“ ist in Payks Darstel­lung übri­gens kaum zu find­en.
Der primär an The­menkreisen (= Leben­skrisen) ori­en­tierte Auf­bau des Buchs führt zu mehreren chro­nol­o­gis­chen Durch­läufen durch Schu­manns Leben – und dadurch zu vie­len unnöti­gen Wieder­hol­un­gen. Dabei erin­nern Psy­chi­a­trie-Pro­fes­sor Payks ermü­dende, chro­nol­o­gisch oft sprung­hafte, vielfach schein­l­o­gisch verknüpfte Aufzäh­lun­gen von Ereignis­sen irri­tierend an den Endenich­er Brief­stil des geistig ermat­teten Schu­mann. Nach Mar­tin Demm­lers anfecht­bar­er Biografie (siehe Das Orch­ester, 9/06, S. 83) ist bei Payk ein neuer, noch etliche Eta­gen tief­er­er Tief­punkt der Schu­mann-Biografik erre­icht – so ertra­gre­ich das Schu­mann-Gedenk­jahr 2006 son­st doku­men­tarisch, werk­mono­grafisch und auch kün­st­lerisch erschien. Bleibt nur die Hoff­nung, dass der Laaber-Ver­lag endlich die seit langem voll­mundig angekündigte erweit­erte 3. Auflage von Arn­fried Edlers Schu­mann-Mono­grafie her­aus­bringt. Schon von deren 1982 erschienen­er 1. Auflage ist Payks peini­gen­des Pro­dukt Licht­jahrzehnte weit ent­fer­nt.
Michael Struck