Demmler, Martin

Robert Schumann

"Ich hab im Traum geweinet". Eine Biografie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Reclam, Leipzig 2006
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 83

Die Biografie erschien pünk­tlich zu Schu­manns 150. Todestag. Doch in punc­to biografisch-doku­men­tarisch­er Seriosität ist sie längst über­holt. Zwar gibt es Pos­i­tives, etwa bei der Ver­schränkung von Lebenssta­tio­nen und Werkexkursen. Auch Anschaulichkeit ist dem Buch des Musik­wis­senschaftlers und anerkan­nten Rund­funkredak­teurs für neue Musik Mar­tin Demm­ler zu attestieren. Doch als Ganzes bleibt es prob­lema­tisch, ober­fläch­lich, irreführend – Ken­nern ein Ärg­er­nis, Ein­steigern nicht zu empfehlen.
Der erste Satz zeigt, wo es lang geht: „Das Leben Robert Schu­manns ist die Geschichte eines grandiosen Scheit­erns.“ Klingt schick, wird aber einem Leben, dessen Resul­tat fes­sel­nde Musik ist, nicht gerecht. Schu­manns „spätes“ Schaf­fen wird – wie vor 1980 üblich – als schwach und unin­spiri­ert abge­tan. Lange haben Kün­stler und Wis­senschaftler (auch Demm­ler in sein­er Mag­is­ter­ar­beit!) gebraucht, um das Dik­tum vom krankheits­be­lasteten schwachen „Spätwerk“ zu hin­ter­fra­gen und durch dif­feren­ziert­ere, neu fundierte Forschung zu erset­zen. Sich­er ist es legit­im, wenn irgend­wann Gegen­be­we­gun­gen zu eupho­risch­er Spätwerk-Reha­bil­i­ta­tion ein­set­zen. Doch da braucht man schlüs­sige Argu­mente, keine reak­tivierten Uraltk­lis­chees.
Diese Spätwerk-Sicht ist charak­ter­is­tisch für das ganze Buch, das die 1997 bei Reclam erschienene Schu­mann-Mono­grafie von Gün­ther Spies wed­er erset­zt noch erre­icht: Da zeich­net Demm­ler Schu­mann als Alko­ho­lik­er (à la Fis­ch­er-Dieskaus Schu­mann-Buch von 1981), latent homo­sex­uell (wie in Weis­s­weil­ers frag­würdi­ger Clara-Schu­mann-Biografie von 1990) und in krisen­geschüt­tel­ter Ehe mit Clara Schu­mann. Doch hin­ter dem moral­isieren­den Unter­ton sein­er Speku­la­tio­nen steck­en Spießer­tum und (beim Groschen­ro­man-Klis­chee kon­flik­t­freier Part­ner­schaft) Kitsch.
Ähn­lich ärg­er­lich sind gravierende fach­liche Defizite. Demm­lers Werk­liste und ‑kom­mentare entsprechen nicht dem Stand der Forschung: Mar­git McCorkles Anfang 2003 erschienenes großes Werkverze­ich­nis bleibt unberück­sichtigt – blam­a­bel im Jahr 2006! Blam­a­bel sind auch viele alte und neue Fehler: Falsche Anzahl der Kinder­szenen (S. 88), Fehlzuord­nung des Zitats vom „einzi­gen Herzenss­chrei“ (S. 70; nicht fis‑, son­dern f‑Moll-Sonate ist gemeint!), Ungereimtes zum Liederkreis op. 39 (S. 106) sind nur die Spitze des Müll­berges (Fehlerliste gegen Gebühr beim Rezensen­ten erhältlich). Der schrill­ste Fehler ist aus Peter Härtlings Schu­mann-Roman geborgt: Demm­ler behauptet, Schu­mann habe „1000 Flaschen Rhein­wein“ für die Hochzeits­feier geordert (S. 111). Das wäre in der Tat ein Alko­ho­lik­er-Symp­tom – wenn es nicht ein Symp­tom für Demm­lers schlechte Recherche wäre: Schu­manns Tage­buch ver­merkt näm­lich – kein Wun­der bei Haushalts­grün­dung, Umzug und Hochzeit – „1000 Fl. Rheinisch“, also die Ein­lö­sung eines Wert­pa­piers über 1000 rheinis­che Florin (= Gulden). Dumm gelaufen! Lek­türe-Faz­it: „Ich hab vor Frust geweinet.“
Michael Struck