Strawinsky, Igor / Silvestre Revueltas

Rite

Le Sacre du printemps / La noche de los mayas

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Deutsche Grammophon 477 8775
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 75

„Ich kenne das Stück schon sehr lange. Genau genom­men habe ich es zum ersten Mal gespielt, als ich Geiger im Orch­ester mein­er Heimat­stadt war. Es war mein erstes Konz­ert als Mit­glied dieses Orch­esters. Ich war
damals 13 Jahre alt und damit auch der Jüng­ste im Orch­ester. […] Es war ein­fach: Wow! Seit­dem bin ich total ver­liebt in dieses Stück.“ Wir sehen: Zu Igor Straw­in­skys Sacre pflegt Gus­ta­vo Dudamel eine beson­dere Beziehung. Mit­tler­weile hat er das Werk als Diri­gent oft aufge­führt, nicht zulet­zt mit dem Simón Bolí­var Youth Orches­tra. Für ein tech­nisch so bril­lantes Jugen­dorch­ester bedeutet es sicher­lich eine Her­aus­forderung, Straw­in­skys auch heute noch extrem anspruchsvolle Par­ti­tur zum Klin­gen zu brin­gen. Wie die jun­gen Vene­zolan­er ihre Auf­gabe meis­tern, lässt sich nun im vor­liegen­den Livemitschnitt aus Cara­cas begutacht­en.
Der Enthu­si­as­mus der Musik­er ist zweifel­los in jedem Takt spür­bar, und auf diese Weise wird zumin­d­est eine Facette des Sacre mustergültig abge­bildet: das Gestaltwer­den früh­ling­shafter Energien. Eine beina­he impro­visatorische Spon­tan­ität prägt manche Pas­sagen, etwa den „Danse de la terre“ am Ende des ersten Teils, den man sel­ten so atem­ber­aubend und qua­si an der Stuh­lka­nte musiziert zu hören bekommt. Der lyrische Beginn des zweit­en Teils ver­mag auf­grund der liebevollen Behand­lung, die ihm Dudamel und seine Musik­er angedei­hen lassen, eben­falls zu überzeu­gen. Lei­der ist jedoch das Orch­ester recht ent­fer­nt abge­bildet und der Klang ziem­lich hal­lig.
Zieht man diesem Umstand die Tat­sache hinzu, dass unge­fähr 180 (!) Musik­er mitwirken, so nimmt es nicht wun­der, dass allzu viele Details unter­be­lichtet bleiben. Das bet­rifft sowohl die Orchestrierung (aus­gerech­net das wichtige Schlag­w­erk ist größ­ten­teils viel zu weit im Hin­ter­grund ange­siedelt!) als auch die geforderte messer­scharfe rhyth­mis­che Präzi­sion, wie man sie etwa bei Ric­car­do Chail­ly (Dec­ca) und Igor Marke­vitch (Tes­ta­ment) find­en kann. Der abschließende „Danse sacrale“ ver­liert auf diese Weise empfind­lich an Wirkung. Im Konz­ert mag der Spaß, den das Orch­ester an dieser Musik hat, die Freude daran, ein­mal so richtig Gas geben zu kön­nen, ansteck­end gewirkt haben, aber auf CD teilt sich dies nur bed­ingt mit.
Demge­genüber feiern Dudamel und seine Musik­er in Sil­vestre Revueltas’ pos­tum aus ein­er Film­par­ti­tur kom­pilierten Suite La noche de los mayas eine Stern­stunde. Hier stimmt alles: Tem­pera­ment, Rhyth­mus­ge­fühl, Ensem­blegeist. Im Finale darf die Schlagzeug­bat­terie zeigen, was in ihr steckt. Auch die Mari­achi-Klänge des zweit­en Satzes sind mitreißend real­isiert. Und nicht zulet­zt zeigt das Klang­bild hier eine wesentlich stärkere Trans­parenz und Dynamik.
Thomas Schulz