Wagner, Richard

Rienzi

2 DVDs

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Arthaus Music 101 521
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 79

Musik­stunde im Ober­salzberg. Mit dem Rück­en zum Pub­likum sitzt der feiste, geschniegelte Dik­ta­tor in weißer Uni­form im Ses­sel seines gran­ite­nen Arbeit­sz­im­mers, den Blick gerichtet durch ein Panora­mafen­ster auf ver­schneites Hochge­birge. Immer eksta­tis­ch­er dirigiert er die Rien­zi-Ouvertüre mit, sitzend, dann laufend, ja liegend in obszön­er Hal­tung auf dem Schreibtisch, aber auch tanzend und Rad schla­gend. Ger­not Frischling gelingt diese akro­batisch-hochvir­tu­ose Pan­tomime. Die beste Szene der ganzen Insze­nierung. Mit ihr hat Philipp Stöl­zl sein Pul­ver schon ver­schossen.
Wag­n­er hat mit sein­er großen, tragis­chen Oper in fünf Akten, Rien­zi (sein zu Lebzeit­en größter Pre­mieren-Erfolg, der 1842 als fast sechsstündi­ges Werk im Königlichen Hofthe­ater zu Dres­den zum ersten Mal über die Bühne ging und den der Diri­gent Hans von Bülow nicht ganz zu Unrecht ein­mal als „Meyer­beers beste Oper“ beze­ich­nete), die einzige jungdeutsche Rev­o­lu­tion­sop­er geschrieben. Ein hoch­poli­tis­ches Werk des deutschen Vor­märz mit enormem Frei­heitspathos und radikaler Kirchenkri­tik, eine Satire auf den Adel und auf die antiquierten poli­tis­chen Ver­hält­nisse in Deutsch­land. Eine Oper über Auf­stieg und Fall eines charis­ma­tis­chen Poli­tik­ers, der am Ende scheit­ert, wie alle „Helden“ Wag­n­ers. Ironie der Geschichte, dass aus­gerech­net Adolf Hitler diese His­to­rienop­er über den römis­chen Volk­stri­bun zu sein­er Liebling­sop­er erk­lärte. Er kann sie kaum ern­sthaft begrif­f­en haben.
Zu Wag­n­ers Musik sieht man bei Stöl­zl Bilder aus Hitler-Deutsch­land, handw­erk­lich sou­verän insze­niert und von Ausstat­terin Ulrike Siegrist sug­ges­tiv bebildert. Aber Wag­n­ers radikal pro­gres­sive, jungdeutsche Rev­olu-tion­sop­er gerin­nt trotz iro­nis­ch­er Brechun­gen zur klis­chee­haften Nazi-Revue. Tableauhaft und in der Per­so­n­en­führung holzschnit­tar­tig insze­niert Stöl­zl Auf­stieg und Fall Rien­zis in Analo­gie zu Hitler. Was vielle­icht kri­tisch gemeint ist, wirkt wie eine Apoth­e­ose der Hitler-Ästhetik. Erweist man da dem „Führer“ nicht post mortem zu viel Ehre? Diese Insze­nierung verdeut­licht beispiel­haft das gestörte Ver­hält­nis der Deutschen zu Richard Wag­n­er als gestörtes Ver­hält­nis zu ihrer Geschichte.
Torsten Kerl singt vor Albert Speers gigan­toman­is­ch­er Ger­ma­nia-Utopie das ever­green­hafte Gebet des Rien­zi. Er ist neben Kate Aldrichs Adri­ano der glaub­würdig­ste Sänger in ein­er anson­sten eher mit­telmäßi­gen Beset­zungsriege. Lan­gat­mig und plaka­tiv-banal ist nicht nur das Diri­gat von Sebas­t­ian Lang-Less­ing, auch die Insze­nierung wird einem lang, obwohl das Stück nur noch zweiein­halb Stun­den dauert. Stöl­zl hat es um mehr als die Hälfte zusam­mengestrichen, um es in sein Inter­pre­ta­tion­sko­rsett pressen zu kön­nen. Es offen­bart die ganze Absur­dität des heuti­gen Blicks aus der Hitler-Per­spek­tive von vorgestern.
Am Ende zeigt Stöl­zl den wahnsin­nig gewor­de­nen Dik­ta­tor in Wochen­schau-Pose huld­voll wink­end: Hitler gle­ich Rien­zi. Wieder ein­mal wird Wag­n­er bil­lig mit dem Nation­al­sozial­is­mus gle­ichge­set­zt. Und alle bornierten Vorurteile in Sachen Wag­n­er wer­den wieder ein­mal bekräftigt. Ein deutsches Missver­ständ­nis, ja Ärg­er­nis, diese Rien­zi-Insze­nierung.
Dieter David Scholz