Fischer, Jens Malte

Richard Wagner und seine Wirkung

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 63

Über­schaubar ist die Zahl der Wag­n­er- und Musik­buch-Autoren, deren Büch­er man stets mit Gewinn liest und uneingeschränkt empfehlen kann. Für mich gehört Jens Malte Fis­ch­er dazu, der bis 2009 als Pro­fes­sor für The­ater­wis­senschaft in München wirk­te, aber schon immer auch jour­nal­is­tisch gear­beit­et hat. Er ist ein wichtiger Experte, was den Opernge­sang bet­rifft. Und er hat sich mit ein­schlägi­gen Pub­lika­tio­nen auf ein Feld gewagt, das selb­st heute noch manch­er Wag­n­er-Enthu­si­ast lieber nicht beack­ert wis­sen wollte. Dabei hat Richard Wag­n­er mit der zweima­li­gen Veröf­fentlichung sein­er Schrift Das Juden­tum in der Musik ganz ein­deutig den Sün­den­fall began­gen, den im 19. Jahrhun­dert bere­its salon­fähi­gen Anti­semitismus konkret auf das Musik­leben zu beziehen.
Natür­lich ist das auch ein Schw­er­punkt in seinem neuen Buch Richard Wag­n­er und seine Wirkung – und im einzi­gen Orig­i­nal­beitrag „Wag­n­ers Wirkung bedenk­end“, der den neun bere­its veröf­fentlicht­en, wo notwendig über­ar­beit­eten Tex­ten aus den Jahren 1984 bis 2007 in den vier Kapiteln vor­ange­ht, die schön stabgereimt „Auf­führung­sprax­is, Anti­semitismus, Ausstrahlung und Ausklang“ laut­en. Der dem Jubiläum­s­jahr geschuldete Essay­band ist mit­nicht­en notge­drun­gen zusam­mengeschus­tert. Vielmehr gelingt dem Autor genau das, was er vorhat­te: Das Buch „will Facetten und Aspek­te von Wag­n­ers Wirkungs­geschichte möglichst viel­far­big umreißen und pronociert zus­pitzen“.
Die Far­bigkeit hat nicht nur mit den Inhal­ten zu tun, son­dern selb­st-
redend auch mit der Sprache. Jens Malte Fis­ch­er ist ein beg­nade­ter Schreiber, der es mit schein­bar leichter Hand schafft, selb­st aus den schlimm­sten Satzungetü­men in den the­o­retis­chen Schriften Wag­n­ers gut les­bar und ver­ste­hbar den Kern her­auszu­fis­chen – ohne selb­st zu ide­ol­o­gisieren. Er doziert nicht, belehrt nicht, son­dern offeriert elo­quent ein reich­haltiges Mate­r­i­al, über das sich jed­er sein eigenes Bild machen kann und darf, ange­feuert durch seine Zus­pitzun­gen, die eine, seine klare Hal­tung spiegeln.
Polar­isierung ist diesem Autor fremd. Zu Marc Wein­ers umstrit­ten­er These, wonach Wag­n­ers Anti­semitismus sich zwangsläu­fig in seinen Musik­dra­men nieder­schlägt, liefert er einige Belege, Gedanke­nan­sätze und schließt mit der Forderung, dass „dieses außeror­dentlich schwierige, aber auch dankbare und notwendi­ge The­ma“ noch ein­mal gründlich und grund­sät­zlich aufge­grif­f­en wer­den muss. Dass er deshalb keineswegs Tomat­en auf den Augen hat, wird spätestens klar, wenn er aus­gerech­net der Wag­n­er-Inter­pre­ta­tion im „Drit­ten Reich“ den kün­st­lerisch hohen Rang nicht abspricht.
Wie Fis­ch­er Proben und Auf­führun­gen der ersten Bayreuther Fest­spiele 1876 beschreibt, liest sich das weitaus span­nen­der, als es bei Richard Fricke, Julius Hey, Richard bzw. Cosi­ma Wag­n­er ste­ht, seine Geschichte des Wag­n­er-Gesangs hat sowieso den Rang ein­er Pflichtlek­türe. Dass seine Essays über verkan­nte Opern der Wag­n­er-Nach­folge ernst genom­men wor­den sind, lässt sich vere­inzelt an über­raschen­den Spielplä­nen able­sen. Und sein fik­tives Gespräch zwis­chen Wag­n­er und Gus­tav Mahler ist ein Muster­beispiel dafür, wie man auch in den mon­u­men­tal­en Schat­ten, den der Gran­it­felsen Wag­n­er wirft, „einige aufhel­lende Lichtschneisen schla­gen kann“.
Moni­ka Beer