Eckart Kröplin
Richard Wagner und Russland
Der keine „Kosak“, so nannte Wagners Stiefvater Ludwig Geyer dein kleinen, sehr lebhaften Richard Wager. Sein Geburtsjahr 1813 fiel in die Blütezeit der Kosaken-Furcht wie -Begeisterung (nach der Leipziger Völkerschlacht), die in Literatur wie Bildender Kunst ihre Spuren hinterließ, wie Eckart Kröplin in seinem weit ausholenden Buch verdeutlicht. Wagners erster Kontakt mit Russland kam zustande, als er im Juni 1837 von Theaterdirektor Karl von Holtei als Kapellmeister ins damals russische Riga engagiert wurde, Das Vergnügen der Anstellung des 24-jährigen dauerte zwar nur kurz (von August 1837 bis Juli 1839) aber Wagner machte als angehender Theatermann, als Musiker und Chefdirigent am Stadttheater in Riga wertvolle Erfahrungen. Doch er wurde, schon damals ein Halodri in Geldangelegenheiten, vom neuen Direktor des Stadttheaters, entlassen.
Russland war für Wagner ein lebenslanges Thema. In der deutschsprachigen Wagnerliteratur galt dies allerdings „bis heute als peripher, als nicht eigentlich darstellbar“, so beklagt Kröplin in seiner Sympathie für alles Russische aus der er keinen Hehl macht. Der renommierte Musik- und Theaterwissenschaftler schildert in elf Kapiteln die biografischen wie künstlerischen Berührungspunkte Wagners mit Russland und seine russischen Förderer und Mäzene.
Im Frühjahr 1863 wurde Wagner von der Petersburger Philharmonischen Gesellschaft zu einigen Konzerten in Petersbug und Moskau eingeladen. Kritiker und Publikum feierten Wagner. Fortan gehörten Wagners Werke jahrelang an russischen Theatern zum Kern-Repertoire. Kröplin macht deutlich, dass die russische Kultur zu kaum einem anderen ausländischen Komponisten eine so intensive Beziehung entwickelte wie zu Wagner. Außerdem beeinflusste Wagners Werk maßgeblich die russischen Symbolisten (Wjatscheslaw Iwanow, Andrei Bely und Alexander Block), die es als Gegenmodell zu Naturalismus und Materialismus feierten.
Tschaikowsky, Skrjabin, Turgenjew, Tolstoi und Dostojewski kommen zu Wort, aber auch Theaterleute wie Lunatscharski und Lossew, auch der russische Berufs-Revolutionär (der überall in Europa gern mitzündelte) Bakunin, den Wagner bei der Dresdner Revolution kennenlernte. Schließlich wird Wagners widerspruchsvolle Rezeption nach der Oktoberrevolution und unter der Stalinherrschaft dargestellt. Nur kurz beleuchtet wird im letzten, elften Kapitel „Wagner jenseits der Sowjetunion“ die neue Wagnerbegeisterung des umstrittenen, weil putintreuen Dirigenten Valery Gergiev, der einen neuen Wagnerboom in den „Russisch-deutschen Kulturbeziehungen“ ausgelöst habe. Zahlreiche Abbildungen und Literaturhinweise vervollständigen diese lange erwartete Monografie.
Dieter David Scholz


