Voss, Egon

Richard Wagner

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: C.H. Beck, München 2012
erschienen in: das Orchester 01/2013 , Seite 64

Es gibt – abge­se­hen von den etwa anderthalb Metern lit­er­arisch­er Werke von Wag­n­er – auch meter­weise Lit­er­atur über Wag­n­er. Insofern fragt man sich angesichts noch ein­er weit­eren Wag­n­er-Biografie auch spon­tan, ob das denn nun wirk­lich sein müsse?
Kurz: Nein. Muss es nicht. In diesem Wag­n­er-Bänd­chen ste­ht nichts Wesentlich­es, was nicht in den anderen Büch­ern über Wag­n­er oder bes­timmte Aspek­te seines Schaf­fens nicht auch zu find­en wäre, und wer sich wirk­lich in den Kom­pon­is­ten und sein Werk ver­tiefen möchte, wird auch weit­er­hin zu den aus­führlicheren Büch­ern von Mar­tin Gre­gor-Dellin, Joachim Köh­ler, Carl Dahlhaus und anderen greifen. Wer aber ger­ade keine Lust (oder Zeit) hat, 800 Seit­en zu durch­forsten, wer gerne ein­fach einen kurzen Überblick darüber gewin­nen möchte, wer dieser Richard Wag­n­er denn war und was ihn antrieb, oder wer nach lan­gen wag­n­er­losen Jahren das ein­st­mals aus der aus­führlichen Lit­er­atur gewonnene Wis­sen schnell und effek­tiv wieder auf­frischen möchte, der liegt mit diesem Buch abso­lut richtig – und sicher­lich weit bess­er als mit den meis­ten anderen Kurzbi­ografien.
Egon Voss, als edi­torisch­er Leit­er der Richard-Wag­n­er-Gesam­taus­gabe zweifel­sohne als kom­pe­ten­ter Wag­n­er-Ken­ner aus­gewiesen, begin­nt diese Biografie eigentlich mit ein­er Recht­fer­ti­gung: Ja, Wag­n­er war ein Anti­semit – aber kein fanatis­ch­er, und auch kein­er, der sein­er the­o­retis­chen Idee von der Ablehnung des Juden­tums auch prak­tis­che Kon­se­quen­zen fol­gen ließ. Ohne zu schö­nen stellt Voss eini­gen der immer wieder zitierten Aus­sagen Wag­n­ers nüchtern Fak­ten und Dat­en aus dessen Leben gegenüber, die sein rel­a­tiv unverkrampftes Ver­hält­nis zum Juden­tum in der Prax­is zeigen.
Im zweit­en Kapi­tel (von ins­ge­samt elf) begin­nt die Biografie. Die Kapi­tel umfassen dabei immer einige Jahre, die unter einem jew­eils klug gewählten Zitat von Wag­n­er oder aus seinem Umfeld sub­sum­iert sind: „Wie sah mein Vater wohl aus?“, heißt es da beispiel­sweise – und weißt auf die Wag­n­er lebenslang beschäfti­gende Frage hin, von wem er denn nun abstamme. „Hier wo mein Wäh­nen Frieden fand“ ist das let­zte Kapi­tel über­schrieben, in dem Wag­n­ers in Bayreuth ver­lebte Jahre geschildert wer­den – in denen eine gewisse Ruhe in seine Unsteth­eit einkehrte.
Das alles ist detail­liert, aber nie ausufer­nd geschildert, sehr klar dargestellt und gut zu lesen – übri­gens in alter Rechtschrei­bung. Voss schildert die Ereignisse und leit­et sie aus Fak­ten und Hin­ter­grün­den her, zeigt Zusam­men­hänge auf, ohne sich in Speku­la­tio­nen zu ver­lieren. Fol­glich geht er auch auf die Anstöße zu und die Entste­hungs­geschichte von Wag­n­ers Werken ein, verzichtet aber auf musikalis­che Analy­sen und Beschrei­bun­gen.
So kann sich hier jed­er Wag­n­er-Ein­steiger ein aus­sagekräftiges Bild des Meis­ters machen, ohne sich gle­ich durch die Har­monik des Tris­tan kämpfen zu müssen, und der Profi hat eine Lek­türe zur Hand, die ger­ade für die zwei Pausen des Par­si­fal reicht, ihn in ihrer Fundiertheit aber sich­er nicht lang­weilen wird.
Andrea Braun