Scholz, Dieter David

Richard Wagner

Eine europäische Biographie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Parthas, Berlin 2006
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 72

Die Grun­didee der vor­liegen­den Neuer­schei­n­ung klingt vielver­sprechend: keine Konkur­renz zu den „großen, ver­di­en­stvollen Wag­ner­bi­ogra­phien“, son­dern ein neuer Ansatz durch „den europäis­chen Kon­text“. Die Darstel­lung der europäis­chen Ver­net­zung des Dichterkom­pon­is­ten, der einen Großteil seines Lebens, teils absichtlich, teils gezwun­gener­maßen, außer­halb Deutsch­lands zubrachte, stellt tat­säch­lich ein Desider­a­tum dar. Insofern erwartet der Leser eine Biografie, die sich ins­beson­dere mit den Anre­gun­gen beschäftigt, die Wag­n­er während sein­er Aus­land­saufen­thalte für Denken und Werk ein­er­seits emp­fan­gen, ander­er­seits an die aus­ländis­chen Kün­stler weit­ergegeben hat.
Ein solch­er Ansatz, der zu Beginn immer­hin noch durch die Dar­legun­gen zu Wag­n­ers frühem Plä­doy­er für eine supra­na­tionale Musik (Briefe, Auf­satz „Die deutsche Oper“ von 1834) zum Tra­gen kommt, wird aber nur allzubald aufgegeben. Dabei wäre es nicht nur inter­es­sant gewe­sen, den Wand­lun­gen in der Auf­fas­sung zen­traler Begriffe (deutsch, nation­al etc.) nachzus­püren, etwa anhand des hier nur beiläu­fig gestreiften, aber für Wag­n­er seit den 1860er Jahren bedeut­samen Ter­mi­nus „deutsch­er Geist“, son­dern auch konkreten Ein­flüssen und Wirkun­gen.
So erfährt man beispiel­sweise bei Scholz kaum etwas über die Auswirkun­gen der Konz­er­tauftritte in Lon­don 1855 oder Brüs­sel 1860, die immer­hin die Basis für eine zwar quan­ti­ta­tiv begren­zte, aber inten­sive Wag­n­er-Pflege in Eng­land und Bel­gien legten. Ohne­hin ver­wun­dert die weit­ge­hende Konzen­tra­tion der zahlre­ichen Quel­len­z­i­tate auf Selb­stzeug­nisse (Auto­bi­ografie, Briefe und Schriften) und Mit­teilun­gen aus dem Wag­n­er-Kreis (Tage­büch­er Cosi­ma Wag­n­ers, Biografie Glase­napps), müssten doch ger­ade für das Vorhaben, Wag­n­ers „europäisch geprägten Leben­skreis zu verdeut­lichen“, in reichem Maße rel­a­tivierende Fremdzeug­nisse herange­zo­gen wer­den. Eine tre­f­fende, wen­ngle­ich keineswegs erschöpfende Auswahl hätte Scholz dazu in Wern­er Ottos Samm­lung Richard Wag­n­er. Ein Lebens- und Charak­ter­bild in Doku­menten und zeit­genös­sis­chen Darstel­lun­gen (Berlin 1990) find­en kön­nen.
Durch die ein­seit­ige Per­spek­tive wer­den öfters beschöni­gende oder falsche Darstel­lun­gen Wag­n­ers kri­tik­los über­nom­men – und dies, obwohl Scholz selb­st davor warnt, „Wag­n­er auf den Leim zu gehen“. So greift der Autor erneut auf die bere­its im Wag­n­er-Werk-Verze­ich­nis von 1986 wider­legte Inspi­ra­tionsle­gende von La Spezia zurück, die ange­bliche Einge­bung des Rhein­gold-Vor­spiels „mit Klarheit und Bes­timmtheit“ in ein­er „Art von som­nam­bulem Zus­tand“, und lässt auch in vie­len weit­eren Fällen die nötige kri­tis­che Dis­tanz ver­mis­sen, wobei er kon­se­quent an jün­geren Forschungsergeb­nis­sen (etwa zur Rolle und Posi­tion Min­na Wag­n­ers, zum Begriff „Zukun­ftsmusik“ usw.) vor­beis­chreibt.
Im Gegen­satz zum in der Ein­leitung reklamierten Anspruch ist das Buch nur eine „gewöhn­liche“ Biografie gewor­den, die sich trotz fehlen­der Erläuterun­gen (wie zum Niet­zsche-Zitat, Wag­n­er sei „unter Deutschen bloß ein Mißver­ständ­nis“) und sor­glosen Umgangs mit Details (falsche Namen wie z.B. „Mar­ius“ statt „Lucien Peti­pa“; „Emi­lie Olivi­er“ statt „Émile Ollivi­er“) für Leser ohne Vorken­nt­nisse und tiefer gehende Inter­essen dur­chaus emp­fiehlt. Sie ist über­aus leicht les­bar, ja ger­adezu flott geschrieben und gele­gentlich mit tre­f­fend­en Bon­mots verse­hen. Anspruchsvollere Leser wer­den sicher­lich zu anderen Lebens­darstel­lun­gen (z.B. der kom­pak­ten Rowohlt-Mono­grafie von Mar­tin Geck) greifen, wir alle müssen aber weit­er auf eine wirk­liche „europäis­che Biografie“ Wag­n­ers warten.
Peter Jost