Beyer, Marion / Jürgen May / Walter Werbeck (Hg.)

Richard Strauss. Späte Aufzeichnung

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2016
erschienen in: das Orchester 05/2017 , Seite 61

Bis in die 1980er Jahre wurde Richard Strauss als ein bajuwarisch­er Musik­er mit her­vor­ra­gen­dem Instinkt für Pub­likum­ser­folge, aber ohne tief­ere Bil­dung ange­se­hen. Die Strauss-Forschung der ver­gan­genen Jahrzehnte kon­nte dieses Bild vielfach kor­rigieren. Für diejeni­gen, die dem Kom­pon­is­ten, seinem Denken und Empfind­en ganz nahe kom­men wollen, liegt nun eine wis­senschaftlich gesicherte Aus­gabe sein­er späten Aufze­ich­nun­gen vor, die er ab 1932 in Schreib­heften nieder­schrieb.
Für einen Kom­pon­is­ten ist es ziem­lich ein­ma­lig, dass er eine Art Tage­buch führt und dabei sich in viel­er Hin­sicht über seine Musik, sein Denken und Han­deln Rechen­schaft ablegt. Die Aufze­ich­nun­gen sind zum Teil impres­sion­is­tis­che Spiegelun­gen von Ereignis­sen und Erleb­nis­sen, zum Teil aber auch, wie die Her­aus­ge­ber tre­f­fend bemerken, bewusst für die Nach­welt geschrieben.
Die Her­aus­ge­ber gliedern den Band nach den Quellen: zehn blaue und sechs graue Hefte. Zunächst wirkt es etwas unüber­sichtlich, dass keine Seiten­zahlen angegeben sind, son­dern die Hefte mit den Buch­staben B bzw. G für die „Blauen“ bzw. „Grauen Hefte“ und der jew­eili­gen Heft­num­mer gekennze­ich­net wer­den. Aber auf diese Weise wird ein authen­tis­ch­er Ein­druck erzielt.
Für Strauss-Lieb­haber eröffnet sich die Möglichkeit vielfältiger Begeg­nun­gen mit dem Kom­pon­is­ten. Sie kön­nen sich hier über Musik­er­witze oder ‑anek­doten amüsieren oder aus dem Blick­winkel von Richard Strauss ver­schieden­ste Musik­er und andere Per­sön­lichkeit­en dieser Zeit beobacht­en.
Län­gere Betra­ch­tun­gen wid­met Strauss in diesen Noti­zen seinem Men­tor Hans von Bülow oder seinem Vater Franz Strauss. Er reflek­tiert „Über Wesen und Bedeu­tung der Oper“, über die Geschichte der Auf­führun­gen sein­er eige­nen Opern, über das Dirigieren, über die Melodie und vieles mehr. Als direk­te Gegen­wart spiegeln die Noti­zen die Geschehnisse der Naz­izeit, etwa den Ver­lust der Ehrenämter oder das Ver­hält­nis zu Joseph Goebbels.
Willi Schuh hat­te in Betra­ch­tun­gen und Erin­nerun­gen bere­its 1949 einen Teil dieser Aufze­ich­nun­gen veröf­fentlicht. Das Ver­di­enst des neuen Ban­des ist, dass die Aufze­ich­nun­gen in ihrer großen Fülle unverän­dert veröf­fentlicht wer­den. Dadurch ermöglicht dieser Band einen unge­filterten Zugang zu vielfälti­gen Aspek­ten des Strauss’schen Denkens und sein­er Zeit.
Dieser Band wird so zu ein­er Fund­grube, um die Biografie und das Werk von Richard Strauss näher ken­nen­zuler­nen. Darüber hin­aus bietet er reiche Infor­ma­tio­nen zum Umfeld von Richard Strauss und damit zum Musik- und Kul­turleben der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts. Das umfan­gre­iche Reg­is­ter, das in ein Personen‑, Werk- und Ortsverze­ich­nis aufgegliedert ist, ermöglicht vielfältige Nach­forschun­gen und Zugänge. So ist dieses Buch ein wertvolles Nach­schlagew­erk für die Musik und Kul­tur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts – nicht nur für Strauss-Ken­ner.
Franzpeter Messmer