Schlötterer-Traimer, Roswitha

Richard Strauss

Sein Leben und Werk im Spiegel der zeitgenössischen Karikatur

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2009
erschienen in: das Orchester 02/2010 , Seite 63

Sel­ten gelingt der­ar­tig überzeu­gend die Verbindung von opu­len­ter Buchgestal­tung mit Bildern, die unter­hal­ten, erfreuen und nos­tal­gisch in eine ver­gan­gene Zeit zurück­blick­en lassen, und Tex­ten, die das Wis­sen erweit­ern und das Ver­ständ­nis für Leben und Werk weck­en. Kurzum: Unter­hal­tung und Wis­sens­gewinn sind hier aufs Überzeu­gend­ste miteinan­der ver­bun­den. Das Buch ist alles in einem: Geschenkband, Bild­band, Fach­buch, Nach­schlagew­erk.
Roswitha Schlöt­ter­er-Traimer, eine mit zahlre­ichen Veröf­fentlichun­gen aus­gewiesene Strauss-Exper­tin, hat 174 Karika­turen über Richard Strauss zusam­mengestellt. Die Karika­turen wer­den jew­eils auf ein­er Dop­pel­seite vorgestellt, rechts das Bild, links Angaben zum Titel, zum Kün­stler, die Texte des Bildes und ein kurz­er, präg­nan­ter Text mit Erläuterun­gen und Infor­ma­tio­nen, die zum Ver­ständ­nis notwendig sind. Diese Kom­bi­na­tion ver­führt zum Anschauen, zum Ver­tiefen und zur Weit­erbeschäf­ti­gung mit dem Werk und dem Leben des Kom­pon­is­ten. Die Qual­ität der Abbil­dun­gen ist her­vor­ra­gend, das gewählte Schrift­bild eine Freude.
Richard Strauss’ Leben fiel in die Zeit des Jugend­stils, in der die Karikatur in Deutsch­land ihre größte Blüte erlebte und zu ein­er zen­tralen Kun­st­form wurde: In Zeitschriften wie der Jugend oder dem Sim­pli­cis­simus wirk­ten namhafte Kün­stler mit. Ironie, freche Über­spitzung zeich­neten aber nicht nur diese satirischen Blät­ter aus, son­dern eben­so die Musik von Richard Strauss, etwa in sein­er Tondich­tung Don Qui­chote oder in sein­er frühen Oper Feuer­snot. Roswitha Schlöt­ter­er-Traimer beschreibt im klu­gen und präg­nan­ten Ein­leitungses­say, wie die Karika­turen das Werk von Richard Strauss als Gradmess­er sein­er Pop­u­lar­ität spiegeln.
In den frühen Karika­turen wird deut­lich, ab wann er in der Öffentlichkeit beachtet wurde. In den späteren kann abge­le­sen wer­den, wie umstrit­ten er war und wie sehr etwa “Salome” das öffentliche Bewusst­sein auch in Mode und Poli­tik prägte. Das Strauss-Bild zunächst des rev­o­lu­tionären Neutön­ers, dann des kon­ser­v­a­tiv zurück­ge­wandten Kom­pon­is­ten find­et in den Karika­turen eben­so seinen Wider­hall wie der öffentliche Neid über den zu Wohl­stand gekomme­nen Musik­er­fürsten. So öff­nen diese Karika­turen nicht nur den Blick für die Musikgeschichte, son­dern all­ge­mein für die Kul­tur- und Zeit­geschichte.
Sie zeigen auch, dass in den 1930er Jahren eine der Karikatur feindliche Zeit here­in­brach, in der die Frei­heit zu frechem Witz von ide­ol­o­gis­ch­er Gle­ich­schal­tung abgelöst wurde. Der alte Strauss ist kaum noch ein Gegen­stand für Karika­turen, zumal nicht von Karika­turen, die das For­mat zur Zeit der Jahrhun­der­twende haben.
Dieser Band ist ein Glücks­fall nicht nur für Strauss-Ken­ner, son­dern all­ge­mein für Musik- und Kun­stlieb­haber.
Franzpeter Messmer