Goltz, Maren / Herta Müller

Richard Mühlfeld der Brahms-Klarinettist

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Artivo music publishing, Balve 2007
erschienen in: das Orchester 12/2007 , Seite 76

Ein Glücks­fall für die Musik­welt ist die späte Begeg­nung von Johannes Brahms mit dem Meininger Klar­inet­tis­ten Richard Mühlfeld, hat dessen Spiel ihn doch in seinen let­zten Leben­s­jahren noch ein­mal dazu gebracht, sich inten­siv dem Kom­ponieren zu wid­men. Aus der Wertschätzung der Klar­inette und deren vorzüglichem Spiel­er sind vier Meis­ter­w­erke der Kam­mer­musik her­vorge­gan­gen: Zunächst das Trio für Klar­inette, Vio­lon­cel­lo und Klavier op. 114, dann das Klar­inet­ten­quin­tett h‑Moll op. 115 und schließlich die bei­den Sonat­en für Klar­inette und Klavier op. 120.
An der Ver­bre­itung dieser für ihn geschriebe­nen Werke war Mühlfeld auch in außeror­dentlich­er Weise beteiligt. Bis zu seinem frühen Tod im Alter von 51 Jahren hat er inner­halb von etwa fün­fzehn Jahren 126-mal das Quin­tett und jew­eils etwa 50-mal das Trio und die erste Sonate aufge­führt, darunter etliche Male mit Brahms selb­st am Klavier.
Die Erin­nerung an seinen 100. Todestag, er starb am 31. Mai 1907, beflügelte die Meininger Musik­wis­senschaft­lerin­nen Maren Goltz und Her­ta Müller, eine Mono­grafie Mühlfelds auf der Basis der vor­liegen­den Zeit­doku­mente her­auszugeben.
Über das Leben Richard Mühlfelds, der im Todes­jahr von Robert Schu­mann, 1856, in Salzun­gen als Sohn eines Stadt­musik­ers das Licht der Welt erblick­te, und 1873 zunächst als 2. Geiger (!) in die Meininger Hofkapelle ein­trat, sind wir dank der Aufze­ich­nun­gen seines älteren Brud­ers Chris­t­ian aufs Beste informiert. Diese wer­den jet­zt erst­mals in ein­er voll­ständi­gen und sehr detail­liert kom­men­tierten Edi­tion zugänglich gemacht. Die „biographis­che Skizze“ hat Chris­t­ian, selb­st kundi­ger Musik­er, kurz nach dem Tod Richard Mühlfelds für die Ange­höri­gen niedergeschrieben. Sie sind mit aller Sym­pa­thie für den genialen jün­geren Brud­er geschrieben, aber in einem gut les­baren, alles Poet­isierende und Übertreibende ver­mei­den­den Stil. Es ist ein Doku­ment, das zugle­ich den Zeit­geist erfasst und über das Meininger kul­turelle Leben am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhun­derts hin­aus ver­weist.
Neben dieser für die Nach­welt lesenswerten Schrift hat Chris­t­ian auch die Konz­erte seines Brud­ers sorgfältig aufge­lis­tet und entsprechende Unter­la­gen gesam­melt. Somit sind wir über die 30-jährige Konz­ertreisetätigkeit, die Richard Mühlfeld durch ganz Europa geführt hat – dabei beson­ders gern als Gast in Eng­land weilend – umfassend informiert. Ein Verze­ich­nis der von Mühlfeld aufge­führten Kom­po­si­tio­nen zeigt das bre­ite stilis­tis­che Spek­trum des Musik­ers.
Für die Zeit von 1891 bis 1907 liegen von Chris­t­ian gesam­melte Rezen­sio­nen von Auftrit­ten vor, deren Tenor fast aus­nahm­s­los die kün­st­lerische Son­der­stel­lung des Klar­inet­tis­ten belegt. Immer wieder ist von sein­er vol­len­de­ten Tonkul­tur die Rede, von dem „Wohllaut“, dem „reinen, sym­pa­this­chen Ton“, dem „see­len­vollen Vor­trag“. Anhand von knapp 500 mit­geteil­ten Rezen­sion­sauszü­gen kann man sich ein Bild von den stets qual­itätvollen Konz­er­tauftrit­ten machen. Das gesamte sehr umfan­gre­iche Quel­len­ma­te­r­i­al wurde von den Her­aus­ge­berin­nen mit aller­größter Akri­bie erläutert.
Sin­nvoll ergänzt wird das biografis­che Mate­r­i­al durch einen Auf­satz Jochen Seggelkes über die in Meinin­gen erhal­te­nen Otten­stein­er-Klar­inet­ten Mühlfelds und ein Verze­ich­nis der Kom­po­si­tio­nen Mühlfelds, unter denen sich allerd­ings keine Klar­inet­ten­werke befind­en. Das Buch ist mit Bild­ma­te­r­i­al her­vor­ra­gend aus­ges­tat­tet und wartet mit einem inter­es­san­ten Lay­out auf. Der Bedeu­tung Mühlfelds für das Musik­leben in Eng­land wird das Buch auch durch seine zweis­prachige Anlage gerecht.
Herib­ert Haase