Tommaso Traetta

Rex Salomon. Oratorio in due parti

Suzanne Jerosme, Eleonora Bellocci, Magdalena Pluta, Grace Durham, Marie-Eve Munger (Gesang), Vokalensemble NovoCanto, Theresia Orchester, Ltg. Christophe Rousset

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: cpo
erschienen in: das Orchester 3/2026 , Seite 73

Mit der Einspielung von Rex Salomon, aufgenommen im Sommer 2023 aus Anlass der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, präsentiert cpo eine bemerkenswerte Entdeckung: ein Oratorium von Tommaso Traetta (1727–1779), einst häufig wiederaufgeführt, im aktuellen Musikbetrieb faktisch unbekannt. Unter Christophe Rousset mit dem Theresia Orchestra, dem Tiroler Vokalensemble NovoCanto und einem hochkarätigen Solistinnen-Ensemble wird das Werk in historisch informierter Aufführungspraxis künstlerisch überzeugend umgesetzt. Traetta schrieb überwiegend Opern; aber auch seine geistlichen Werke neigen zu einer musiktheatralischen Gestaltung. Das am 15. August 1766 in Venedig uraufgeführte Oratorium war Traettas Einstand als „Maestro di Coro“ am Ospedale di S. Giovanni e Paolo, auch „Ospedaletto“ genannt. Es war eine der vier für ihre musikalischen Darbietungen berühmten venezianischen Wohn- und Ausbildungsstätten für Mädchen, die zumeist armen wie oft außerfamiliären Verhältnissen entstammten. Daher sind im Stück ausschließlich Frauenstimmen besetzt.
Das Libretto thematisiert König Salomo, die Bundeslade und die Königin von Saba – Stoffe, die typischerweise auf die religiöse Heilsgeschichte verweisen, hier jedoch in opernhafter Gestik dargestellt werden: Typisches Oratorienmaterial (Chöre, geistliches Sujet) kombiniert mit Elementen des italienischen Singspiels und der Oper, mit ausgedehnten Arien und rezi­­tativisch-szenischen Elementen. Die Interpretation ist absolut stimmig: Das Theresia Orchestra (Streicher, b.c. und zwei Hörner) musiziert mit klarem, federndem Periodenklang, bietet drei lebendige Sinfonie-Sätze als Ouvertüre und bewegte Rezitative mit farbiger Instrumentalsprache. Der Frauen­chor singt frisch, homogen und mit guter Textverständlichkeit.
Die Solistinnen zeigen jeweils ihre Stärken: Jerosme (als Salomon) überzeugt durch noblen Sopran mit klarem Timbre und guter Linienführung in den langsameren Arien („Cantabile grazioso“). Bellocci gelingt als Abiathar insbesondere in der Larghetto-Devoto-Nummer eine warme, beseelte Gestaltung. Munger (als Königin von Saba) überzeugt mit ausdrucksstarken Koloraturen. Pluta (Adon) und Durham (Sadoc) bringen Agilität und Präsenz in den schnelleren Nummern. Hervorzuheben sind die langen Arien mit sieben bis fast zehn Minuten Dauer – sie widerspiegeln Traettas Opernaffinität und geben den Sängerinnen Raum für Entfaltung. Klanglich ist die Aufnahme ausgezeichnet: Der Raum ist offen, die Stimmen klar positioniert, das Instrumentarium gut balanciert.
Fazit: Ein spannendes Stück Musikgeschichte, das bislang kaum im Fokus stand, mit hoher interpretatorischer Qualität und musikwissenschaftlichem Mehrwert. Nicht nur für Kenner von Opern- und Kirchenmusik des 18. Jahr­hunderts eine erfreuliche Bereicherung des Repertoires.
Gerald Mertens

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